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  1. Inside Artists

Inside Artists Reader

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    Wie kann das Potenzial von künstlerischer Praxis als Impulsgeber für die Entwicklung von Kulturinstitutionen genutzt werden? Das war die Ausgangsfrage, auf deren Grundlage die Liz Mohn Stiftung und das Beethovenfest Bonn erstmals die Köpfe zusammensteckten, um ein Konzept für die Unternehmensentwicklung im Kunst- und Kulturbereich zu entwickeln. Am Ende dieses Prozesses stand das Konzept »Inside Artists«, das Künstler:innen unter der Anleitung von Martin Zierold mit dem Team des Beethovenfests zusammenbrachte. Ko-kreativ wurde in vier Arbeitsphasen über den Zeitraum von 12 Monaten an neuen Wegen der Zusammenarbeit in den Festival-Bereichen Programm, Development und Kommunikation gearbeitet.

    Dieser E-Reader gibt einen Einblick in die Inside Artists-Projektarbeit und bietet Ansätze und Tools zur Übertragbarkeit auf andere Kulturinstitutionen und Festivals. 

    Viel Freude bei der Lektüre!

    Grußwort der Liz Mohn Stiftung
    Dorothea Gregor, Liz Mohn Stiftung

    Transformation und Innovation – Begriffe, die in einer sich ständig wandelnden Welt unverzichtbar geworden sind – spielen auch in der Kulturlandschaft eine immer zentralere Rolle. Das Projekt »Inside Artists« des Beethovenfest Bonn greift diesen Wandel auf beeindruckende Weise auf, indem es Kunst, insbesondere klassische Musik, und Organisationsentwicklung miteinander verbindet und neue Wege für die nachhaltige Weiterentwicklung von Kulturinstitutionen aufzeigt. Im Zentrum des Projekts steht die Idee der Ko-Kreation: Künstler:innen wirken nicht nur auf der Bühne, sondern gestalten aktiv die Strukturen und Prozesse der Institutionen mit, in denen sie tätig sind. Sie bringen ihre Kreativität, ihre unkonventionellen Denkansätze und ihre Fähigkeit, neue Perspektiven zu eröffnen, direkt in die Organisationen ein. Dieser Ansatz hebt »Inside Artists« deutlich von traditionellen Kulturprojekten ab. Es geht nicht allein darum, künstlerische Exzellenz in der klassischen Musik zu präsentieren, sondern darum, Kulturinstitutionen von innen heraus zu transformieren und langfristig zukunftsfähig zu machen. Die Liz Mohn Stiftung hat dieses innovative Konzept nicht nur mitentwickelt, sondern leistet durch ihre Unterstützung einen entscheidenden Beitrag an der Schnittstelle von Organisationsentwicklung und Kultur. Es war uns ein zentrales Anliegen, ein Projekt zu fördern, das nicht nur klassische Musik auf höchstem Niveau zugänglich macht, sondern die kreativen Potenziale von Künstler:innen in den institutionellen Alltag einfließen lässt. Denn wir sind überzeugt: Klassische Musik kann und muss ein Motor für Veränderungen sein – auch innerhalb der Organisationen, die sie tragen. Sowohl als Stiftung als auch als Festival sind wir uns bewusst, dass die klassische Musik – trotz ihrer tief verwurzelten Traditionen – ständig zu Reformen aufgerufen ist. Die gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, in denen sie stattfindet, verändern sich stetig: neue Publikumserwartungen, technologische Entwicklungen und der Anspruch, gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen, erfordern kontinuierliche Anpassungen. Dabei gilt es, die künstlerische Qualität und Integrität der klassischen Musik zu bewahren, während gleichzeitig mutige neue Wege beschritten werden. »Inside Artists« liefert hierfür ein vorbildliches Modell, indem es nicht nur klassische Musik auf die Bühne bringt, sondern die Strukturen hinter der Bühne verändert, die diese Kunstform tragen.

    »Inside Artists« zeigt eindrücklich, wie Transformation im Bereich der klassischen Musik gelingen kann. Wenn Künstler:innen in die Strukturen von Kulturinstitutionen hineinwirken, entsteht ein fruchtbarer Austausch zwischen künstlerischer Kreativität und organisatorischen Prozessen. Dieser Austausch kann eingefahrene Denkmuster aufbrechen, neue Arbeitsweisen etablieren und eine nachhaltige Veränderungskultur schaffen. Gerade in der klassischen Musik, die oft mit einer starken Traditionsbindung verbunden ist, bietet dieser Ansatz eine Chance, diese traditionsreiche Kunstform zukunftsfähig und relevant zu halten. Musik hat das einzigartige Potenzial, Menschen über Grenzen hinweg zu verbinden und tiefgehende emotionale Erfahrungen zu schaffen. Doch um dieses Potenzial auch in einer sich wandelnden Gesellschaft voll auszuschöpfen, braucht es mutige, innovative Ansätze wie »Inside Artists«. Unsere Vision ist eine Kulturlandschaft, die sich dynamisch weiterentwickelt und dabei den Mut hat, Neues zu wagen, ohne die Authentizität und die Essenz der klassischen Musik aus den Augen zu verlieren. Wir sind überzeugt, dass »Inside Artists« nicht nur das Beethovenfest Bonn bereichert, sondern auch einen wichtigen Impuls für die gesamte Kulturszene setzt. Es ist ein inspirierendes Beispiel dafür, wie Künstler:innen innerhalb von Organisationen arbeiten können, um innovative Impulse zu setzen, sie zu verändern und nachhaltige Wirkungen zu entfalten. Wir hoffen, dass das Projekt als Modell für die Integration von Kunst, klassischer Musik und Organisationsentwicklung weit über Bonn hinausstrahlt.

    Grußwort der Kulturstiftung des Bundes

    Viele Ensembles, Konzerthäuser oder Festivals suchen derzeit nach Antworten auf die vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungen. Das starke Traditionsbewusstsein, die eingeübten Rituale im Konzertsaal aber auch die durchstrukturierten Abläufe hinter der Bühne machen es zu keiner einfachen Aufgabe, die üblichen Pfade zu verlassen und Raum für Innovation zu schaffen. Und es stellt sich ganz grundsätzlich die Frage, was Innovation im klassischen Musikbetrieb bedeutet: »Wie klingen Konzertprogramme mit einem starken Gegenwartsbezug?« oder, »Wie erreichen wir ein möglichst breites Publikum?« sind konkrete Fragen, die auch Ausgangspunkte für das Förderprogramm »tuned – Netzwerk für zeitgenössische Klassik« sind, einem bundesweiten Netzwerk von sechs Festivals, indem künstlerisch, programmatisch und organisatorisch neue Konzertformen und Arbeitsweisen erprobt werden.

    »Inside Artists« ist ein Projekt, das ganz im Sinne des Netzwerks innovative Wege geht. Ein Jahr lang arbeiten im Rahmen des Projekts die ausgewählten Künstler:innen regelmäßig in verschiedenen Abteilungen des Beethovenfests wie Kommunikation, Vermittlung oder Development. Die gemeinsamen Workshops und Projekte durchbrechen die gewohnten Abläufe, schaffen gegenseitiges Verständnis und ermöglichen ungewohnte Blickwinkel auf die tägliche Arbeit. Wenn sich etwa Musiker:innen und Publikum durch besondere Momente der Gastfreundschaft bei Konzerten persönlich begegnen, oder der Entwicklungsprozess eines Awareness-Konzepts nicht nur in Form eines Leitfadens, sondern auch in einem künstlerischen Format sichtbar wird, zeigt sich das Potential dieses intensiven Austauschs.

    Im Namen der Kulturstiftung des Bundes danken wir sehr herzlich dem Beethovenfest Bonn, dessen Intendanten Steven Walter und dem gesamten Team, sowie den beteiligten Künstler:innen für die Entwicklung und Realisierung dieses mutigen Projekts. Wir danken auch allen beteiligten Autor:innen der Publikation für das Dokumentieren und Teilen ihrer Projekterfahrungen und wünschen allen Leser:innen eine anregende und erkenntnisreiche Lektüre.

    Katarzyna Wielga-Skolimowska 

    Vorstand / Künstlerische Direktorin 

    Kirsten Haß

    Vorstand / Verwaltungsdirektorin

    Projektintention von Steven Walter, Intendant Beethovenfest Bonn

    Warum »Inside Artists«?

    Steven Walter © Nekame Klasohm

    Die extreme Arbeitsteilung zwischen Musiker:innen und Ensembles, ihren Agenturen und Veranstalter:innen im Geschäft der klassischen Musik hat viele gute Gründe. Wie in jedem ausdifferenzierten Wirtschaftsfeld eines kapitalistischen Umfelds werden Abläufe effizienter und der Output der Marktteilnehmer:innen maximiert, wenn sich Spezialist:innen um bestimmte Aufgaben kümmern. Nicht zuletzt geht es ja darum, dass die Künstler:innen möglichst hundert Prozent ihrer Energie auf die Lieferung des »Produkts« – das Konzert – verwenden können.

    Wirtschaft, Kapitalismus, Geschäft, Output, Marktteilnehmer:innen, Produkt – das sind allesamt Begriffe, die wir ungern mit dem Wahren, Schönen und Guten der klassischen Musik in Zusammenhang bringen wollen. Doch vieles am klassischen Touring-Geschäft funktioniert unweigerlich nach diesen Mechanismen. Konzerte werden wie Produkte auf einem Markt angeboten, verschiedenste for-profit Unternehmen leben von diesem Markt, an dem eben auch gemeinnützige Organisationen und Konzertveranstalter:innen nicht nur partizipieren, sondern in dem sie oft vollständig verstrickt sind.

    Es spricht nichts fundamental gegen diese Logik. Im Gegenteil bietet dieser arbeitsteilige Markt geniale Mechanismen, um Angebot und Nachfrage in Einklang zu halten, Talente und Wissen zielgerichtet einzusetzen, Ineffizienzen auszumerzen und Produktivität zu fördern. Es soll mit dieser Zuspitzung auch nicht suggeriert werden, dass es keine Beziehungen zwischen Künstler:innen und Veranstalter:innen gibt. Es stellt sich aber schon die Frage, ob wichtige Punkte der gemeinsamen Gestaltung des gesamten Ökosystems bei dieser hocheffizienten Arbeitsweise unter den Tisch fallen. Wir laufen so Gefahr, wichtige Entwicklungen, die in den unterschiedlichen Produktionslogiken anderer Kunstformen (z. B. Theater, bildende Kunst) längst den Diskurs prägen, zu verpassen. Wie in kapitalistischen Unternehmen braucht es auch in der Kultur »Forschungs- und Entwicklungsabteilungen«, in denen jenseits der aktuellen Marktzwänge über Zukunft und alternative Arbeitslogiken nachgedacht wird.

    Das Projekt »Inside Artists« gründete sich also mit der Frage, welche alternativen Formen der direkten und eingebetteten Zusammenarbeit es mit Künstler:innen verschiedener Sparten geben kann. Es war eine Reaktion auf einen gewissen Frust, der sich aus den beschriebenen Dynamiken und einer damit einhergehenden Entfremdung zwischen uns als Veranstalter und Künstler:innen ergab. Wir wollten als Beethovenfest vor allem ein Forum der freien Zusammenarbeit entlang großer, gemeinsamer Fragestellungen an das geteilte Ökosystem der klassischen Musik finden. Es ging dabei nicht zuvorderst um künstlerischen Output, sondern um die Bedingungen und Epiphänomene unserer gemeinsamen Arbeit. Nicht zuletzt ging es auch darum, von- und miteinander zu lernen, also Künstler:innenförderung mit Organisationsentwicklung zu verbinden.

    Dass solche prozessorientierte Vorhaben so selten möglich sind, hat auch mit den Förderbedingungen in Deutschland zu tun. Diese sind – wieder aus guten Gründen – sehr auf im Vorhinein klar beschreibbare Projekte ausgelegt, nicht auf ergebnisoffene Prozesse. Es ist ein großes Glück, dass wir mit der Kulturstiftung des Bundes im Rahmen von »tuned – Netzwerk für zeitgenössische Klassik« und der Liz Mohn Stiftung so vertrauensvolle wie neugierige Förderpartner hatten, die sich auf das durchaus gewagte Experiment einließen.

    Zeitsprung zum Ende der Pilotphase – was haben wir gelernt? Wie messen wir den Erfolg oder Misserfolg von »Inside Artists«?  

    Fünf zentrale Erkenntnisse:

    1. Die recht abstrakten Fragestellungen des Projekts haben großes, allgemeines Interesse hervorgerufen – abzulesen an den 55 Bewerbungen, die wir auf unsere offene Ausschreibung hin erhalten haben. Dies zeigt, dass die Problembeschreibungen und Prämissen des Projekts vielfach geteilt werden, es folgerichtig einen unbefriedigten »Markt« für diese Idee gibt.
    2. Das Projekt ermöglichte neue Perspektiven auf die eigene Arbeit. Das ist als Selbstzweck schon ein großer Erfolg – nicht nur als Teambuilding-Maßnahme, sondern auch zur Übung des kreativen Miteinanders. Die Tatsache, dass regelmäßig Zeitfenster geschaffen wurden, um gemeinsam mit Künstler:innen über ein dezidiertes, oft übergeordnetes Arbeitsfeld zu sprechen, hatte einen hohen sinnstiftenden Wert, der auch von den Teilnehmenden sehr geschätzt wurde.
    3. Ein solches Projekt ist zunächst eine Zumutung. Alle haben übervolle Schreibtische, niemand hat Kapazitäten für Grundsätzliches – dies ist wiederum eine Nebenwirkung der Verwertungslogik unserer Zeit. Diese Resistenz zu überwinden war zunächst vor allem eine Führungsaufgabe. Wichtig war dabei auch, dass die Teams sich ihre Künstler:innen und die Projekte gemeinsam (mit) ausgesucht haben. Das Projekt muss einerseits von der Führung prioritär gesetzt werden und die Team-Motivation muss andererseits intrinsisch wachsen, damit eine solche Arbeitshaltung bei begrenzten zeitlichen Ressourcen als Prozess eine Chance hat.
    4. Obwohl das Projekt nicht outputorientiert angelegt war, entstanden daraus sehr fruchtbare inhaltliche und operative Perspektiven für das Beethovenfest. Die grundsätzliche Auseinandersetzung mit Gastgeberschaft und die Gestaltung von »Sternenmomenten« in Konzert-Kontexten brachte diverse »Aha-Erlebnisse« zutage, die unsere Art des Veranstaltens in der Zukunft prägen könnten. Das Arbeiten am Themenfeld sexualisierter Gewalt im Kulturbetrieb brachte ein bereichsübergreifendes Awareness-Team hervor, das das organisationale Bewusstsein des Beethovenfests schon jetzt positiv prägt.
    5. Ein solches Vorhaben braucht nicht nur Zeit, sondern auch regelmäßige Möglichkeiten der Reflexion. Die moderierte Prozessbegleitung durch Prof. Dr. Martin Zierold war in diesem Sinne sehr wesentlich. Wenn Künstler:innen intensiv auf das Innere von Organisationen treffen, dann prallen unterschiedliche Logiken aus disparaten Winkeln unseres kulturellen Ökosystems aufeinander. Da kommt es schnell zu Missverständnissen und Konflikten. Dass unsere Projekte alles in allem recht harmonisch verliefen, hat vor allem mit ausgedehnten Workshops und Reflexionsphasen zu tun. Diese halfen sehr, Blockaden zu lösen und Learnings zu konsolidieren.

    »Inside Artists« war ein Pilotprojekt, das eine Infusion neuer Perspektiven und Ideen für alle Mitwirkenden und nicht zuletzt für das »Versuchsobjekt« Beethovenfest einbrachte. Es hatte eine positiv-disruptive Wirkung und war – wie die meisten Prozesse der Veränderung – mitunter anstrengend und schmerzhaft. Es ist sicher eine Überforderung, dauerhaft so intensiv und umfassend Künstler:innen in die Teams einer Organisation einzubinden. Aber es gibt nun ein »Proof of Concept«, dass »Inside Artists« als Projekt und Methode sehr gut funktioniert und für alle Beteiligten sowie für die Zukunftsfähigkeit von Kulturorganisationen große Mehrwerte bereithält. Die Nachahmung ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht! Dazu dient dieser Reader. Es geht schließlich auch darum, dass die eingangs beschriebene, systemische Arbeitstrennung von Künstler:innen und Institutionen zumindest kurzzeitig und phasenweise überwunden werden kann, damit wir gemeinsam, als kulturell-künstlerisches Ökosystem, über die Inhalte und Zukünfte unseres Schaffens nachdenken und diese gestalten können.

    Martin Zierold

    Ko-Kreation als Treiber für Veränderung

    Was können Kulturorganisationen von Inside Artists lernen?
    Zum Artikel

    Gastgeberschaft als Höhenflug: Von der Lufthansa zum Beethovenfest

    Zum Essay

    Projektdokumentationen

    • Programm

      Programm

    • Development

      Development

    Mediensammlung

    Videoformat mit Inside Artist Saman Haddad
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    Paneldiskussion mit Tessniem Kadiri, Martin Zierold und den Inside Artists Franziska Ritter & Daniel Arkadji Gerzenberg
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    Projektrückblick im Beethovenfest-Podcast mit Steven Walter
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    Downloads

    Awareness-Flyer
    Sternenmomente-Toolbox

    Inside Artists ist ein Modellprojekt des Beethovenfest Bonn und der Liz Mohn Stiftung im Rahmen von »tuned – Netzwerk für zeitgenössische Klassik« der Kulturstiftung des Bundes 

    Ticket–Hotline +49 228 2010344 Mo, Mi–Fr, 10–14 Uhr
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