Wenn Robert ein Programm zusammenstellt, ist eine der ersten Fragen: In welchem Raum findet das Konzert statt – und welche Orgel steht dort?
Das Instrument in der St.-Martinus-Kirche in Ollheim hat beispielsweise nur ein Manual – das ist eine einzige Klaviatur, ohne die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Ebenen des Instruments zu wechseln. Damit scheidet ein Großteil der romantischen und modernen Orgelliteratur schlicht aus.
Robert sagt, genau diese Einschränkung habe ihn gezwungen, tiefer nachzudenken: über die lange europäische Musiktradition, über nationale Stile, über Verbindungen zwischen Stücken, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Komponisten des 16. und 17. Jahrhunderts – darunter die Engländer William Byrd und Orlando Gibbons – schrieben Musik, die sich britisch anfühlt, dabei aber von spanischen und italienischen Einflüssen durchzogen ist. Musik, die national klingt – und längst Grenzen überschritten hat.
Diese Zusammenhänge wären ihm vielleicht verborgen geblieben, hätte er einfach frei wählen können. Die Einschränkung war kein Hindernis, sondern ein Filter – einer, der nicht ausschließt, sondern schärfer sehen lässt.
Dasselbe gilt für den Raum. Eine leere Kirche klingt anders als eine volle. Menschen »schlucken« Schall, der Nachhall verkürzt sich, die Bedingungen verschieben sich – und das lässt sich nicht vollständig proben. Es entsteht jedes Mal erst im Moment, live. Für Robert steckt genau in diesem Risiko das eigentliche Ereignis.
Und dann ist da noch die menschliche Unvollkommenheit selbst – zwei Stücke in Roberts Konzertprogramm geben dazu einen besonderen Anstoß: Mozart schrieb sein Adagio KV 594 ursprünglich nicht für einen Menschen, sondern für eine mechanische Flötenuhr: ein Uhrwerk, das stündlich dieselbe Musik abspielte, präzise, unermüdlich, ohne Zögern. Auch die lebende britische Komponistin Joanna Marsh schrieb Stücke für mechanische Uhren. Bei beiden Werke kann man sich die Frage stellen: Was kann ein Mensch, was die Maschine nicht kann? Roberts ist der Meinung, dass man das, was man an Präzision verliert, gleichzeitig an Flexibilität gewinnt. An Agogik – dem lebendigen Umgang mit Zeit, dem kleinen Zögern vor einem Höhepunkt, dem Atemzug zwischen zwei Phrasen. Sensibilität entsteht dann nicht trotz der Unvollkommenheit – sondern durch sie.
Kurz zur Einordnung: Das sagt jemand, der die höchsten Maßstäbe seines Fachs aus eigener Erfahrung kennt. Robert hatte die renommiertesten Organistenposten Englands inne – am King’s College Cambridge, an der Westminster Abbey in London und am New College Oxford, seiner heutigen Wirkungsstätte. Er gilt als einer der bedeutendsten Organisten Großbritanniens.
Es treffen hier also zwei Dinge aufeinander, die man nicht unbedingt zusammen erwartet: der Anspruch auf Exzellenz – und die Überzeugung, dass Unvollkommenheit kein Makel ist, sondern etwas ermöglicht, was Perfektion nicht kann.
