Was ihr gerade erprobt habt – die Rückmeldung, die von den Räumen zurückkamen –, ist für den Soziologen Hartmut Rosa mehr als ein akustisches Phänomen. In seinem Werk Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung erweitert er den Begriff: Resonanz beschreibt für ihn eine grundlegende Art, wie Menschen – und Gemeinschaften – mit der Welt in Beziehung treten.
Das physikalische Bild bleibt dabei kein bloßes Bild: Ein Körper beginnt zu schwingen, weil ein anderer schwingt. Übertragen bedeutet das: Ein Mensch oder eine Gruppe wird von etwas berührt und antwortet darauf.
Resonanz setzt voraus, dass man selbst antwortfähig ist, also offen und eigenständig genug, um überhaupt antworten zu können – Rosa spricht davon, dass beide Seiten mit eigener Stimme sprechen müssen. Sie lässt sich nicht erzwingen oder planen. Das Konzert kann perfekt organisiert sein – und trotzdem bleibt der Moment aus. Oder ein einziger Ton trifft einen unerwartet. Rosa nennt das Unverfügbarkeit: Resonanz geschieht – oder sie geschieht nicht.
Entscheidend ist: Resonanz verändert. Wer wirklich resoniert, ist danach nicht mehr ganz derselbe. Das gilt für das Zuhören im Konzert – und, so Rosa, ebenso für Begegnungen zwischen Menschen und Kulturen.
Resonanz entsteht nicht durch Optimierung oder Kontrolle, sondern durch Offenheit, Eigenständigkeit und die Bereitschaft, sich berühren und verändern zu lassen.
Bei dem Versuch, diese Gedanken auf politische Beziehungen zu übertragen, könnte man fragen: Gibt es so etwas wie Resonanz auch zwischen Ländern? Eine Beziehung, in der eine Seite nur kontrolliert, instrumentalisiert oder ignoriert, würde in diesem Sinne stumm bleiben. Echte Verständigung entstünde erst dann, wenn beide Seiten bereit wären, sich zu begegnen, zuzuhören und sich verändern zu lassen.
