Maria Kalesnikava on freedom and the moment when it can no longer be taken for granted: after five years as a political prisoner in Belarus, the musician and activist delivered a deeply personal keynote speech at the 2026 Beethovenfest. To open the conference ‘Cultural Events as Political Spaces’ on 2 October, she spoke at the Beethovenhalle about why art and culture are at the very heart of every society. Read extracts from her speech in German here.
Copyright: Maria Kalesnikava/Beethovenfest Bonn
Morgen ist der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit. Für mich ist dieser Tag sehr persönlich.
Auch im Gefängnis habe ich ihn für mich gefeiert. Denn die deutsche Geschichte erinnert daran, dass Mauern fallen können, dass politische Systeme nicht ewig bestehen und dass das, was heute unmöglich scheint, morgen Realität werden kann.
Ich glaube überhaupt, dass wir den Wert von Freiheit oft erst dann wirklich verstehen, wenn sie nicht mehr selbstverständlich ist. Mit der Kultur ist es ähnlich.
Solange wir frei sind, diskutieren wir Musikerinnen und Musiker über Arbeitsbedingungen, Repertoire, Finanzierung oder Institutionen. Das ist vollkommen normal. Aber dabei vergessen wir manchmal etwas viel Grundsätzlicheres: dass wir überhaupt frei spielen, interpretieren, mit anderen Menschen arbeiten und auf eine Bühne gehen können.
Den wirklichen Wert dieser Möglichkeit habe ich erst verstanden, als ich sie nicht mehr hatte.
Kultur kann in einer wohlhabenden Gesellschaft manchmal wie etwas Zusätzliches erscheinen, wie etwas, mit dem man sich beschäftigt, wenn die wichtigeren Probleme bereits gelöst sind. Meine eigene Erfahrung sagt mir aber etwas anderes. Gerade wenn einem Menschen fast alles Vertraute genommen wird, versteht man besonders deutlich, dass Musik, Literatur, Erinnerung und Vorstellungskraft keine Dekoration des Lebens sind. Sie gehören zu den Dingen, die einem Menschen helfen, sich selbst zu bewahren.
Deshalb bedeutet es mir sehr viel, heute hier in Bonn beim Beethovenfest zu sein. Musik war mein Leben, lange bevor Politik, Proteste, Gefängnis oder Menschenrechte Teil meiner Biografie wurden. Und die Musik hat mir von Anfang an noch etwas Wichtiges gezeigt: Musik gehört allen.
Sie gehört nicht einem Staat, einer Ideologie oder einer Generation. Menschen können verschiedene Sprachen sprechen, völlig unterschiedliche Biografien und politische Ansichten haben und trotzdem im selben musikalischen Raum zusammenkommen, ohne deshalb gleich werden zu müssen.
ich habe gerade im Gefängnis, in einem Zustand fast vollständiger Unfreiheit, zum ersten Mal wirklich verstanden, was für ein Glück es ist, Musikerin und überhaupt ein Mensch der Kunst zu sein. Natürlich wusste ich auch vorher, wie wichtig Musik für mich ist. Aber erst dort habe ich verstanden, wie groß die innere Welt eines Menschen sein kann, der sein ganzes Leben mit Kultur verbunden ist.
Fast zweieinhalb Jahre war ich vollständig isoliert. Ich konnte nicht mit meiner Familie und meinen Freunden sprechen, ich konnte kaum Briefe schreiben oder bekommen, und ich hatte keinen Zugang zu Zeitungen oder unabhängigen Informationen.
Ich glaube, wir Musikerinnen und Musiker und überhaupt Menschen aus Kunst und Kultur verstehen manchmal selbst nicht ganz, was für ein großes Privileg wir haben. In unserer Erinnerung existiert bereits eine ganze Welt: Musik, die wir gespielt oder gehört haben, Bücher, die wir gelesen haben. Ich habe sehr viel Zeit in völliger Stille verbracht. Aber diese Stille war fast nie leer, weil in meinem Kopf ständig Musik klang.
Mit der Musik kann man durch Zeit und Raum reisen, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Man kann sich plötzlich in einem anderen Land oder in einem anderen Jahrhundert wiederfinden, sich an ein Konzert erinnern oder an einen Menschen, mit dem man einmal gespielt hat. Der physische Raum um einen herum kann extrem klein werden, aber das, was bereits in einem selbst existiert, lässt sich viel schwerer begrenzen.
Auch Bücher haben mir sehr geholfen. Während meiner Jahre im Gefängnis habe ich mehr als siebenhundert Bücher zu sehr unterschiedlichen Themen gelesen, darunter viel klassische Literatur. Dort habe ich verstanden, dass Kultur uns nicht nur Wissen oder ästhetische Erfahrungen gibt. Sie sammelt in uns menschliche Erfahrung, Bilder, Texte, Musik und verschiedene Möglichkeiten, die Welt zu sehen und zu verstehen. Deshalb habe ich mich selbst in fast vollständiger Isolation keinen einzigen Tag vollkommen allein gefühlt.
Für mich wurde das zu einer sehr wichtigen Erfahrung von Freiheit. Die äußere Freiheit kann man einem Menschen tatsächlich nehmen, manchmal fast vollständig. Aber viel schwieriger ist es, das zu kontrollieren, was bereits Teil seiner Erinnerung, seiner Vorstellungskraft und seiner inneren Erfahrung geworden ist.











