Was können Kulturorganisationen von Inside Artists lernen?
Von Martin Zierold
Ko-Kreation als Treiber für Veränderung
Übertragbarkeit und Gelingensfaktoren im Fokus
EinleitungWas geschieht, wenn eine Kulturinstitution den Mut aufbringt, gewohnte Pfade zu verlassen und bewusst Unsicherheit zulässt? Das Inside Artists-Projekt des Beethovenfest Bonn wagte genau diesen Schritt, indem es die üblichen Grenzen zwischen Kulturmanagement und künstlerischer Praxis auflöste. Dieser Artikel zielt nicht auf eine detaillierte Beschreibung des Inside Artists-Projekts oder seines Verlaufs. Dies wird an anderer Stelle in der Dokumentation des Projekts geleistet. Mein Fokus liegt vielmehr auf den Übertragbarkeiten und Gelingensfaktoren: Was können andere Kulturinstitutionen aus Inside Artists lernen? Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um gelingende Ko-Kreation zu ermöglichen? Welche Herausforderungen und Spannungsfelder gilt es zu bewältigen?
Das Projekt suchte nach Wegen, um klassische Rollenverteilungen zu hinterfragen und eine Verbindung zwischen Künstler:innen und Kulturorganisation zu schaffen. Dabei stellte sich nicht nur die Frage, welche neuen Formen der Zusammenarbeit möglich sind, sondern auch, wie Institutionen mit Unvorhersehbarkeit, Unsicherheit und unterschiedlichen Arbeitskulturen umgehen können.

Mut zur Verunsicherung als Innovationsprinzip
Ein wesentlicher Ausgangspunkt für das Inside Artists-Projekt war die Sorge, dass Klassikfestivals zunehmend Gefahr laufen, primär zu Buchungsagenturen für tourende Produktionen zu werden. In einer solchen Konstellation wird die künstlerische Arbeit weitgehend ausgelagert und eingekauft, während das Kulturmanagement hauptsächlich organisatorische und administrative Funktionen übernimmt und die lokale Vermarktung von globalen Produkten organisiert. Die Beziehung zwischen Künstler:innen und Festival-Team verarmt im schlimmsten Fall zu einer rein transaktionalen Geschäftsbeziehung, und eine echte Beziehung zur Kunst kann im Vorfeld des Konzerts zwischen Musiker:innen und Festivalorganisation nicht entstehen und entsteht dann auch während des Festivals bestenfalls momenthaft.
Inside Artists war ein bewusster Versuch, diese wachsende Kluft zu überwinden und die Beziehungsfähigkeit zwischen Kunst und Kulturmanagement zu erhöhen – nicht nur durch punktuelle Begegnungen, sondern durch einen strukturierten, fast ein Jahr andauernden ko-kreativen Prozess. Anstatt Kunst nur zu präsentieren, sollte ein gemeinsamer Raum für echte Ko-Kreation entstehen, in dem künstlerische Perspektiven direkt in die Organisationskultur und Arbeitsprozesse einfließen können. Das Projekt zielte darauf ab, die Institution von innen heraus zu irritieren und zu inspirieren – nicht durch vorgegebene Veränderungsmaßnahmen, sondern durch einen ergebnisoffenen Dialog und konsequente Zieloffenheit.
Was Inside Artists von vielen anderen Innovationsprojekten unterscheidet, ist seine tiefgreifende Wirkung auf die Organisationskultur. Es ging nicht nur darum, neue Formate zu entwickeln, sondern eine Veränderung der Arbeitsweise in einem geschützten Rahmen zu erproben. So entstehende Veränderungen können besonders nachhaltig sein, denn sie sind Ergebnis gemeinsamer Erfahrungen: Die Veränderung entsteht im gemeinsamen Prozess, wird von allen Beteiligten getragen und kann so zu einer dauerhaften Transformation führen. Ein wesentlicher Faktor ist dabei, dass die Erfahrung auch immer wieder gemeinsam reflektiert wird – so kann aus Irritation organisationales Lernen entstehen.
Ein Modell für andere Kulturinstitutionen?
ÜbertragbarkeitDoch welchen Einfluss können solche Pilotprojekte mit Blick auf Change Management und Organisationsentwicklung langfristig haben? Wie übertragbar sind sie für andere Festivals und Kulturorganisationen? Zunächst gilt es, zwei Ebenen zu unterscheiden, die beide für andere Organisationen inspirierend wirken können: Auf der inhaltlichen Ebene sind konkrete Ergebnisse entstanden, die für andere Kulturinstitutionen beispielhaft sein können – etwa die wegweisenden ersten Schritte des Beethovenfests, sich als erstes Klassikfestival in Deutschland offensiv mit dem Thema Awareness und Antidiskriminierung zu befassen, oder die vielen niedrigschwelligen Interventionen, die unter der Überschrift »Gastgeberschaft« das Konzerterlebnis für die Besucher:innen bereichern sollten.
Doch es sind nicht allein die konkreten Inhalte der Projekte, die es verdient haben, über das Beethovenfest hinaus Beachtung zu finden. Vielmehr ist es auch der Ansatz der »Inside Artists« selbst, von dem sich vieles lernen lässt – denn von einem lebendigen Dialog zwischen künstlerischen Perspektiven und Kulturmanagement könnten viele Klassikfestivals und andere Kulturorganisationen profitieren.
Dabei geht es nicht notwendig darum, exakt den Ansatz der »Inside Artists« zu kopieren. In erster Linie sind es zwei grundlegende Zutaten, die es verdient haben, viele Nachahmer:innen zu finden: Zum einen ist dies ein intensivierter Dialog zwischen Künstler:innen und Management – die bewusste Etablierung von Räumen für einen kontinuierlichen Austausch zwischen künstlerischen und organisatorischen Perspektiven, der nicht nur auf punktuelle Begegnungen beschränkt bleibt. Zum anderen braucht es den Mut zu wirklich ergebnisoffenen Prozessen – die Bereitschaft, einen Weg zu beginnen, ohne schon zu wissen, wohin er führen wird, und vor allem das Commitment, die Ergebnisse, die aus diesem Prozess erwachsen, tatsächlich aufzugreifen und umzusetzen, selbst wenn sie von ursprünglichen Erwartungen abweichen.

Drei Spannungsfelder erfolgreicher Ko-Kreation
Mut & Vertrauen
Ein solches Projekt erfordert Mut – und zwar auf mehreren Ebenen. Mut ist dabei nicht die Abwesenheit von Angst, sondern das Handeln trotz der Angst. Der Intendant Steven Walter musste den Mut haben, einen Prozess zu initiieren, dessen Ergebnis nicht vorhersehbar war. Das Team des Beethovenfests und die beteiligten Künstler:innen mussten ebenfalls den Mut aufbringen, aus etablierten Routinen auszubrechen und sich auf das Unbekannte einzulassen.
Nicht zuletzt brauchte es mutige Geldgeber: Die Kulturstiftung des Bundes und die Liz Mohn Stiftung bewiesen bemerkenswerten Mut, indem sie einen wirklich ergebnisoffenen Prozess unterstützten. Dies ist keineswegs selbstverständlich – Stiftungen und andere Förderer:innen tun sich häufig schwer damit, Projekte zu finanzieren, die nicht von Anfang an klar definierte, messbare Ergebnisse versprechen.
Dieser Mut kann jedoch nur in einer Atmosphäre des Vertrauens gedeihen. Eine der größten Herausforderungen bei solchen Projekten ist die verbreitete Sorge, dass es trotz aller Beteuerungen der Offenheit doch eine »Hidden Agenda« gibt – versteckte Ziele, bei denen Scheitern letztlich sanktioniert wird.
Diese Angst ist nicht unbegründet. In vielen Organisationen ist die Erfahrung tief verankert, dass Offenheit und Verwundbarkeit bestraft werden können. Im Inside Artists-Projekt gelang es, diese Bedenken durch Transparenz und offene Kommunikation zu überwinden.
Offenheit & Struktur
Das Paradox erfolgreicher ko-kreativer Prozesse liegt darin, dass Offenheit Struktur braucht, um wirksam zu werden. Offenheit ist nicht identisch mit Strukturlosigkeit – damit ergebnisoffene Projekte nicht im Chaos enden, bedarf es eines Prozesses mit professioneller Moderation und geeigneten Formaten, die den Austausch bewusst gestalten und begleiten.
Meine Rolle als Begleiter des Prozesses bestand vor allem darin, einen Rahmen zu schaffen, in dem Offenheit und Kreativität entstehen konnten – eine Form von »Facilitation«, die Freiräume schafft, statt sie einzuengen. In regelmäßigen Workshops wurden gezielt Methoden eingesetzt, um den Dialog zwischen Künstler:innen und Kulturmanagement zu fördern, Ideen zu entwickeln und zu reflektieren.
Diese Spannung zwischen Offenheit und Struktur zeigte sich an vielen Stellen: Es brauchte einerseits die Freiheit, ohne vorgegebenes Ziel zu denken, andererseits aber auch Meilensteine und gemeinsame Reflexionspunkte, um nicht in völliger Beliebigkeit zu versinken. Als besonders wertvoll erwies sich dabei die Erfahrung, dass auch Phasen der Verwirrung und scheinbarer Stagnation wichtige Teile des kreativen Prozesses sein können.
Besonders beeindruckend war zu sehen, wie aus scheinbaren Tiefs plötzlich neue Einsichten und Ideen entstanden. Dies verdeutlicht einen zentralen Aspekt ko-kreativer Prozesse: Die Tiefen sind genauso wertvoll wie die Hochs, denn auch aus ihnen entsteht Lernen. Es geht nicht darum, Scheitern zu vermeiden, sondern es als Teil des Prozesses zu begreifen und daraus zu lernen.
Freie Kapazität & Ambition
Eine dritte, oft unterschätzte Spannung liegt zwischen der Notwendigkeit freier Kapazitäten und der Ambition, tatsächlich Neues zu wagen. Das Beethovenfest hat mit der Development Abteilung bewusst einen strukturellen Ort geschaffen, der nicht vollständig im Tagesgeschäft aufgeht. Solche Freiräume innerhalb der Organisation sind eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiche Innovation – und zugleich eine Rarität in chronisch unterfinanzierten Kultureinrichtungen, die oft personell am Limit arbeiten.
Doch freie Kapazität in einer Abteilung der Organisation allein reicht nicht aus. Es braucht auch die Ambition, diese Freiräume tatsächlich für Neues zu nutzen, statt sie mit Routineaufgaben zu füllen – und die Bereitschaft, Freiräume auch in Bereichen der Organisation zu gewähren, die anders als die Development Abteilung nicht von vorneherein über eingebaute Spielräume verfügen. Diese Ambition zeigte sich im Inside Artists-Projekt auf allen Ebenen: bei der Leitung, die bereit war, etablierte Pfade zu verlassen; bei den Mitarbeitenden, die sich auf ungewohnte Perspektiven einließen, und bei den Künstler:innen, die sich in bisher unbekannte Organisationsprozesse einbrachten.
Die Bereitschaft zum Engagement, zur inhaltlichen Auseinandersetzung und zum gemeinsamen Erkunden des Unbekannten war die treibende Kraft, die die bloße Verfügbarkeit von Zeit und Ressourcen teils erst hervorbrachte, teils fruchtbar machte. In dieser Verbindung aus struktureller Möglichkeit und persönlicher Bereitschaft liegt ein Schlüssel für gelingende Veränderungsprozesse.
Kulturelle Transformation als langfristige Aufgabe
FazitInside Artists hat gezeigt, dass echte Ko-Kreation keine Methode ist, die sich einfach implementieren lässt, sondern eine Haltung, die sich entwickeln muss. Die größte Herausforderung liegt nicht in der Durchführung einzelner Innovationsprojekte, sondern darin, einen kulturellen Wandel zu ermöglichen, in dem Offenheit, Vertrauen und Mut zu Experimenten dauerhaft verankert werden. Wer Ko-Kreation als ernsthafte Strategie der Organisationsentwicklung begreift, muss bereit sein, Unsicherheiten auszuhalten, Kontrolle abzugeben und nicht nur in fertigen Ergebnissen, sondern in langfristigen Lernprozessen zu denken. Inside Artists war nicht das Ziel, sondern ein Impuls – und die eigentliche Veränderung liegt nun darin, wie Institutionen diesen Impuls weitertragen.