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Fellow 2026 Brittany Green

Glitch im System

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Eine Person in einem glänzenden Regenbogen-Glitzerkleid sitzt auf einem türkisfarbenen Hintergrund und lächelt freundlich in die Kamera.
Brittany J. Green © Adley Haywood

Die US-Komponistin Brittany J. Green schreibt als Beethovenfest Fellow ein neues Werk für das New Yorker Kollektiv Alarm Will Sound – zwischen KI und Zufall, Mensch und Maschine.

»Freiräume für Zukunftsmusik« – unter diesem Motto lädt das Fellowship-Programm des Beethovenfests Künstler:innen ein, neue Perspektiven auf (klassische) Musik zu entwerfen. Brittany J. Green wird diesem Anspruch in besonderer Weise gerecht: Sie setzt sich mit musikalischen Zukunftstechnologien auseinander, bezieht sich auf afrofuturistische Diskurse und entwickelt Musik, die sie selbst als »sonic storytelling« begreift.

Zukunftsmusik: Afrofuturismus komponieren

Der Begriff ›Zukunftsmusik‹ ist ebenso assoziationsreich wie ambivalent – und mit linearen Fortschrittsgedanken verknüpft, die oft suggerieren, dass Entwicklung automatisch Verbesserung bedeutet. Dem begegnet Brittany Green mit Skepsis: »Für mich ist es wichtig, die Vorstellung aufzubrechen, dass Zeit, Musik oder Kultur sich zwangsläufig nach vorn entwickeln.« Zukunft sei kein vorgezeichneter gerader Weg: »Manchmal bedeutet Zukunft, zurückzublicken, Vergangenes neu zu befragen, umzuordnen und sich anzueignen.« Daher versteht sie auch ›componere‹ im ursprünglichen Wortsinn als ein (Neu-)Zusammensetzen von dem, was war, und dem, was sein könnte: »Komponieren ist für mich in vielerlei Hinsicht ›Futuring‹« – ein Möglichkeitsraum, um Zukunft aktiv zu gestalten.

Damit schließt Green explizit an den Afrofuturismus an, eine künstlerische Praxis, die Schwarze Zukunftsentwürfe sicht- und hörbar macht. Für sie ist dies eine Perspektive, um herauszuarbeiten, »wer überhaupt die Möglichkeit hatte, sich Zukunft vorzustellen – und wer nicht«. Ihre Arbeit versteht sie als Einladung: »Ich möchte meine eigene Vorstellungskraft als Schwarze Frau teilen und einen Raum erzeugen, in dem andere das ebenfalls tun können.«

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gLitchED dreams//invisible BEINGS

Die Uraufführung

Der Titel von Brittany Greens neuer Komposition, die beim Beethovenfest uraufgeführt wird, lässt sich kaum eindeutig lesen oder aussprechen – diese Sprach-Neuschöpfung verweist auf zentrale Ideen des Werks.

Wichtig ist dabei der »gLitch«, den Green als »a mode of existence« versteht. Ein Glitch – der englischen Wortbedeutung nach schlicht eine Störung – ist doch weit mehr als das: »ein Akt von Handlungsmacht, den ein System nicht lesen kann – im Unterschied zu einer bloß zufälligen Fehlfunktion«. In ihrer Musik äußert sich das in kleinen Störungen in einer etablierten rhythmischen Ordnung – woran die Komponistin eine zentrale Frage ihrer Arbeit knüpft: »Was geschieht, wenn ich dem Faden der Glitches innerhalb eines Stücks folge? Welche neuen klanglichen Räume entstehen, wenn ich diesen Spuren nachgehe?«

Der Titelbestandteil »dreams« öffnet den Raum in Richtung Imagination und Science-Fiction: Für Green sind Träume ein Ort, an dem Identität, Körper und Rollen neu gedacht werden können – jenseits fester Zuschreibungen. Konkret erzählt ihr Stück die Reise von Eye, einem Androiden auf der Suche nach einem authentischen Selbst. Fragen nach Wahlfreiheit, Kontrolle und Ermächtigung prägen nicht nur diese Geschichte, sondern auch die offene Struktur des Werks – durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Ein Code bestimmt die Art und Abfolge des musikalischen Materials, das die Instrumentalist:innen von Alarm Will Sound spielen: »Die Ausführenden ›glitchen‹ sich selbst und entscheiden situativ, ob sie das komponierte Material annehmen oder nicht« – sodass bei jeder Aufführung eine neue Version des Stücks entsteht.

Mit dem Begriff der »invisible BEINGS« setzt sich Green mit struktureller Unsichtbarkeit auseinander: also mit marginalisierten Existenzen, die systematisch nicht gesehen und nicht gehört werden. Sie will das Unerhörte hörbar machen. »Die Verwendung von ›Beings‹ grenzt sich von westlichen Vorstellungen des Menschlichen ab, die historisch weiß und cis-männlich geprägt sind.« In dieser posthumanistischen Perspektive ist der Mensch nicht länger das Maß aller Dinge, sondern Teil eines größeren Geflechts von Lebens- und Daseinsformen.

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Beethoven im Post-Humanismus

Ludwig van Beethoven, der große Humanist, bleibt für Brittany Green ein wichtiger Referenzpunkt: »Als Komponist hat er Fäden aufgenommen und Gedanken nachgespürt, aus denen neue Ideen und Arten entstanden sind, Musik zu denken.« Entscheidend sei dabei nicht die stilistische Nähe, sondern die Haltung – eine Bereitschaft, nicht nur musikalisches Denken und Handeln immer wieder neu zu befragen.

So 6.9.2026
  • 16 Uhr, Beethovenhalle, Studio

    Isidore String Quartet

    Kammermusik

    Haydn, Green, Mendelssohn Bartholdy

Fr 18.9.2026
  • Eine Person in einem glänzenden Regenbogen-Glitzerkleid sitzt auf einem türkisfarbenen Hintergrund und lächelt freundlich in die Kamera.
    19.30 Uhr, Beethovenhalle, Studio

    Brittany J. Green & Alarm Will Sound

    Kammerorchester

    Alan Pierson

    Quiñones, Thompson, Green

Artikel von Anna Schürmer
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