Der Titel von Brittany Greens neuer Komposition, die beim Beethovenfest uraufgeführt wird, lässt sich kaum eindeutig lesen oder aussprechen – diese Sprach-Neuschöpfung verweist auf zentrale Ideen des Werks.
Wichtig ist dabei der »gLitch«, den Green als »a mode of existence« versteht. Ein Glitch – der englischen Wortbedeutung nach schlicht eine Störung – ist doch weit mehr als das: »ein Akt von Handlungsmacht, den ein System nicht lesen kann – im Unterschied zu einer bloß zufälligen Fehlfunktion«. In ihrer Musik äußert sich das in kleinen Störungen in einer etablierten rhythmischen Ordnung – woran die Komponistin eine zentrale Frage ihrer Arbeit knüpft: »Was geschieht, wenn ich dem Faden der Glitches innerhalb eines Stücks folge? Welche neuen klanglichen Räume entstehen, wenn ich diesen Spuren nachgehe?«
Der Titelbestandteil »dreams« öffnet den Raum in Richtung Imagination und Science-Fiction: Für Green sind Träume ein Ort, an dem Identität, Körper und Rollen neu gedacht werden können – jenseits fester Zuschreibungen. Konkret erzählt ihr Stück die Reise von Eye, einem Androiden auf der Suche nach einem authentischen Selbst. Fragen nach Wahlfreiheit, Kontrolle und Ermächtigung prägen nicht nur diese Geschichte, sondern auch die offene Struktur des Werks – durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Ein Code bestimmt die Art und Abfolge des musikalischen Materials, das die Instrumentalist:innen von Alarm Will Sound spielen: »Die Ausführenden ›glitchen‹ sich selbst und entscheiden situativ, ob sie das komponierte Material annehmen oder nicht« – sodass bei jeder Aufführung eine neue Version des Stücks entsteht.
Mit dem Begriff der »invisible BEINGS« setzt sich Green mit struktureller Unsichtbarkeit auseinander: also mit marginalisierten Existenzen, die systematisch nicht gesehen und nicht gehört werden. Sie will das Unerhörte hörbar machen. »Die Verwendung von ›Beings‹ grenzt sich von westlichen Vorstellungen des Menschlichen ab, die historisch weiß und cis-männlich geprägt sind.« In dieser posthumanistischen Perspektive ist der Mensch nicht länger das Maß aller Dinge, sondern Teil eines größeren Geflechts von Lebens- und Daseinsformen.