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Kunst aus Musik und Gebärdenpoesie

ensemble in transition

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ensemble in transition © Sergej Falk

Haus groß eingesperrt.
Echo unendlich.                                                              

Alles lernen, ignorieren.
vergessen.                                         

Manchmal Schlaf, Traum,
einfallen: ich gefangen.

Wahr allein?
Wann aufhören?
Mein Haus außerhalb?
Lieber wach.

So lautet ein Monolog, den Gebärdensolistin und Tänzerin Kassandra Wedel für die Komposition Echo:Reflexion in Gebärdengrammatik notiert hat. Eigentlich werden Gebärdensprache und -poesie nicht verschriftlich. Diese Notation diente den hörenden Musikerinnen des ensemble in transition als Hilfsmittel im Arbeitsprozess und wurde auch in die Partitur aufgenommen.

Bei der Aufführung von Echo:Reflexion streckt Kassandra Wedel in diesem Teil die Arme immer weiter aus, zeichnet ein Haus in die Luft, erkundet mit Körper und Blicken den Raum, fällt schließlich mit Erschrecken im Gesicht in sich zusammen, blickt auf scheinbar gefesselte Hände ... Die drei anderen Mitglieder des ensemble in transition, Désirée Hall, Maren Schwier und Larissa Nagel, improvisieren dazu nach einem vorgegebenen Muster. Im Cello kann das rauschhaft klingen, mit flirrenden Obertönen, während die Querflöte mit Glissandi wie suchend einen Ton umkreist.

Das Werk Echo:Reflexion, das ensemble in transition zusammen mit dem Komponisten Alexander Reiff erarbeitet hat, basiert auf einer Kurzgeschichte aus dem Band Der Spiegel im Spiegel: Ein Labyrinth von Michael Ende. Der Protagonist Hor lebt in einem unendlichen Gebäude mit unendlichem Echo, dem er nicht entkommen kann. »Wir wollten diese Geschichte nicht einfach nacherzählen«, erklärt Projektleiterin und Ensemblegründerin Désirée Hall, »sondern haben uns gefragt: Wie kann dieses unendliche Echo in Gebärdenpoesie und Musik dargestellt werden?« Herausfordernd ist dabei schon das zugrundeliegende Thema: Das Echo als akustisches Phänomen kommt im Alltag von tauben Menschen nicht vor. So wird in der Komposition genauso mit dem visuellen Pendant, der Reflexion, gearbeitet.

Gebärdenpoesie ist eine traditionelle Kunstform der Gehörlosenkultur. »Für mich ist es visuelle Poesie in einem Raum, die sich visuell aufbaut«, beschreibt die taube Gebärdensolistin Kassandra Wedel. Gebärdenpoesie ist dabei explizit keine Übersetzung lautsprachlicher Lyrik oder Inhalte, sondern eine eigene Kunstform mit ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Bei den Aufführungen des ensemble in transition sind die visuelle und die akustische Ebene immer gleichwertig angelegt. Beide Ebenen funktionieren auch für sich allein. Und auch hier geht es explizit nicht um eine Übersetzung: »Wir versuchen generell immer eine Form zu finden, in der Gebärdenpoesie und Neue Musik sich gegenseitig umspielen und einander katalysieren«, so Désirée Hall.

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Den Beginn von Echo:Reflexion beschreibt Kassandra Wedel: »Unsere Sängerin Maren singt keine Worte, nur Buchstaben. Es bedeutet, dass ich keine Worte gebärde, sondern mit Buchstaben anfange.« Dieser Teil des Werkes beruht auf 16 Buchstaben aus dem Fingeralphabet der Gebärdensprache sowie dem Alphabet der Lautsprache und 16 Tönen, die einander zugeordnet sind. Die Solistinnen imitieren sich untereinander parallel, sodass sich immer mehr Reflexionen und Echos aufbauen. Die Darstellung einzelner Buchstaben in diesem Teil entspricht »mehr der Poesie von Hörenden«, so Wedel. »Das heißt, dass ich meine Gebärdenpoesie anpasse an die Kunstform von Hörenden. Aber nicht nur: auch umgekehrt gebärde ich in Worten die Hausszene«, die eingangs beschriebene Szene im zweiten Teil der Komposition, »und die Musiker passen sich mir an. Ich erzähle eine Geschichte, die sehr emotional ist und schöne Bilder, große Bilder hat. Und die Musiker passen sich meinen Bewegungen an.«

»Bei jedem neuen Werk, das wir einstudieren, suchen wir einen neuen ästhetischen Ansatz, wie wir Musik und Gebärdenpoesie zusammenführen können«, betont Désirée Hall. Wichtig ist dabei: »Ziel des Projekts ist es nicht, tauben Menschen Musik näherzubringen oder Musik in Gebärdensprache zu übersetzen.« Anders als Aufführungen im Theater, die – wenn überhaupt – nachträglich barrierefrei gestaltet werden, zum Beispiel durch Übertitelung oder durch Gebärdensprachverdolmetschung, sind beim ensemble in transition die Mittel der Barrierefreiheit von Anfang an Ausgangspunkt des künstlerisch-dramaturgischen Prozesses. Dieses Prinzip der Aesthetics of Access, einer Ästhetik des Zugangs, ist in Deutschland bisher sehr wenig erforscht.

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»Wir reflektieren und sprechen sehr viel in unseren Proben, weil beide Sprachen komplett unterschiedliche Strukturen haben, unterschiedliche Grammatik«, erklärt Désirée Hall. »Man kann die Inhalte der einen Sprache nicht einfach in die andere Sprache übertragen. Deshalb bewegen wir uns in unserer Arbeit nicht nur auf einer künstlerischen Ebene, sondern auch auf einer theoretischen, eigentlich einer theoretisch-wissenschaftlichen Ebene, in der wir natürlich auch kulturelle Differenzen analysieren.«

Die Gehörlosenkultur und die Hörendenkultur begegnen sich im Alltag und in der Kunst nur sehr selten. Viele Hörende wissen nichts über die Gehörlosenkultur – oft noch nicht einmal, dass es sie gibt. »Beide haben ganz unterschiedliche Werte, Normen, Codes und auch ganz unterschiedliche künstlerische Traditionen«, so Désirée Hall. »Viele taube Menschen zählen sich zu einer linguistischen und kulturellen Minderheit. Die Gebärdensprache ist Teil ihrer Identität, nicht nur ein Kommunikationsmittel.« Die Beziehungen zwischen beiden Kulturen sind durch starke Macht-Asymmetrien geprägt, Gebärdensprache wurde und wird immer wieder marginalisiert. »Das beeinflusst natürlich auch unsere künstlerische Arbeit«, erzählt Hall. »Es ist nicht selbstverständlich, dass taube und hörende Künstlerinnen so zusammenarbeiten wie wir. Auch bei uns gibt es unterschiedliche Perspektiven oder Spannungen, die nicht einfach verschwinden. Aber wir versuchen, mit ihnen bewusst umzugehen und daraus etwas Gemeinsames entstehen zu lassen. Wir verstehen uns als eine Art Türöffnerinnen: Wir machen ein Angebot – an uns selbst, aneinander und an das Publikum. Ein Angebot, für das es Offenheit braucht und auch ein bisschen Mut.«

Beim ensemble in transition bringen hörende und taube Künstlerinnen ihre jeweils eigenen Erfahrungen, Erinnerungen und sinnlichen Eindrücke mit, so erklärt es das Ensemble. Ihre Arbeit fügt dem aktuellen Beethovenfest-Motto »Nach Hause/Daheim« einen eigene Facette hinzu. In den Worten von Desirée Hall: »Im Zusammenspiel von Neuer Musik, Gebärdenpoesie und Tanz verwandeln sich diese unterschiedlichen Perspektiven in ein gemeinsames künstlerisches Daheim. ›Nach Hause kommen‹ bedeutet für uns deshalb nicht die Rückkehr an einen festen Ort, sondern das Entstehen eines verbundenen Raumes: eines Ortes, an dem verschiedene Formen des Wahrnehmens und unterschiedliche Kulturen gleichberechtigt nebeneinanderstehen, sich begegnen und einander erweitern.«

ensemble in transition beim Festival

Mi 9.9.2026
  • 19.30 Uhr, Brotfabrik

    Ensemble in Transition

    Kammermusik, Tanz, Performance & Musiktheater

    Reiff, Müller-Hornbach

Artikel von Merle Krafeld
Ticket–Hotline +49 228 2010344 Mo, Mi–Fr, 10–14 Uhr
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