Mit seiner dritten Sinfonie erreicht Ludwig van Beethoven eine neue Stufe. Gegenüber den beiden vorherigen Sinfonien bildet sie eine klare Weiterentwicklung, in Stil, Struktur und Instrumentation. Beethoven zeigt hier, was sein gesamtes Schaffen so unverwechselbar macht: Er arbeitet mit reduziertem Themen-Material und formt daraus Großes. Unter dem Namen »Eroica« hat die Sinfonie Weltruhm erlangt. Beim Beethovenfest 2026 präsentieren Le Concert Olympique und der belgische Dirigent und Musikwissenschaftler Jan Caeyers das Werk. Im Listening Guide stellt der Musikjournalist Christoph Vratz Beethovens Dritte vor.
Listening Guide
Beethoven: Sinfonie Nr. 3

Alle Grenzen sprengen
Die »Sinfonie würde unendlich gewinnen, (sie dauert eine ganze Stunde) wenn Beethoven sich entschliessen wollte sie abzukürzen, und in das Ganze mehr Licht, Klarheit und Einheit zu bringen.« Die Reaktionen auf die erste öffentliche Aufführung von Beethovens dritter Sinfonie am 7. April 1805 im Theater an der Wien zeugen von Unverständnis. Noch nie hat es eine Sinfonie von solchen Ausmaßen gegeben.
Berühmt ist die »Eroica« auch wegen einer verschlungenen Widmungsgeschichte. Anfangs plant Beethoven eine Huldigungsmusik an Napoleon, den er erst bewundert, dann verachtet. Zunächst möchte er dem Feldherrn seine Sinfonie widmen. Als Napoleon sich aber zum Kaiser krönt, zürnt Beethoven angeblich mit den Worten: »Ist der auch nichts anders, wie ein gewöhnlicher Mensch! Nun wird er auch alle Menschenrechte mit Füßen treten, nur seinem Ehrgeize fröhnen; er wird sich nun höher, wie alle Andern stellen, ein Tyrann werden!«
Es entsteht das vielleicht bekannteste Loch der Musikgeschichte: Beethoven rasiert die vermeintliche Widmung auf dem Titelblatt wieder aus. In der ersten Londoner Partitur von 1809 rückt dann ein unbekannter Held in den Fokus: »Sinfonia Eroica composta per celebrare la morte d’un Eroe« bzw. später »per festeggiare il sovvenire di un grand’uomo«.
I. Satz
Allegro con brioNehmen wir einmal an, Beethoven hätte seine dritte Sinfonie unmittelbar mit dem Hauptthema begonnen, gespielt nur von Streichern. Das klänge unverdächtig und lyrisch, beinahe idyllisch.
Doch Beethoven setzt diesem Thema etwas voraus, was aufrüttelnd wirkt. Zwei knochentrockene Akkorde mit der Wucht von Blitzen. Als wolle er mit zwei Schlägen einen imaginären gordischen Knoten durchschlagen. Auf jeden Fall zertrümmert er mit diesen beiden Akkorden alles Gewohnte, alles Höfische und Höfliche. Man möchte kaum glauben, dass sich aus diesem schroff-signalhaften Beginn das gesangliche Hauptthema herausschälen wird.
Aber dieses Thema kann nicht nur liedhaft klingen. Üppig instrumentiert, mit Beteiligung von Pauken und Bläsern, entfaltet es einen majestätischen, eben auch ›heroischen‹ Charakter.
Kontrastschärfe prägt den kompletten weiteren ersten Satz. Kein Wunder, dass die Zeitgenoss:innen das als verworren, grell und bizarr empfinden – Formulierungen, die uns heute noch im Umgang mit zeitgenössischer Musik vertraut sind. Will man es den ersten Beethoven-Hörer:innen übelnehmen? Es gibt Passagen, da knallt Beethoven uns nicht, wie zu Beginn, nur zwei Akkorde um die Ohren, sondern gleich eine ganze Reihe dürrer Schläge, angereichert mit vielen Dissonanzen.
Im mittleren Abschnitt, der Durchführung, gewinnen die Schläge des gesamten Orchesters nochmals an Bedeutung. Hier ist von Melodie, von Liedhaftigkeit, nichts zu erkennen. Das ist ein wildes Pochen in scheinbarer Endlosschleife, mündend in grellen Harmonien.
Vieles in diesem ersten Satz ist ungewöhnlich. Etwa das Taktmaß. Beethoven wählt einen ungeraden Dreiviertel-Takt, üblicherweise aber steht der Kopfsatz einer Sinfonie in einem geraden Zeitmaß. Genau das wiederum ermöglicht Beethoven die größtmöglichen Kontraste. Bei aller Schroffheit überhört man gern die tänzerisch-wiegenden Momente. Dann mutiert die große Sinfonie zur subtilen Kammermusik. Einzelne Instrumente übergeben einander fast zärtlich den Staffelstab.
Dieser monumentale erste Satz, der für sich genommen schon so lang ist wie einige komplette frühe Mozart-Sinfonien, endet, wie er begonnen hat: mit zwei Schlägen. Kurz zuvor erklingt noch einmal das Hauptthema: wiederum zusätzlich aufgeraut in Rhythmus und Klangfarbe – was zeigt: Beethoven wandelt eine kleine thematische Zelle oft so virtuos um, dass sie in immer neuem Gewand daherkommt.
II. Satz
Marcia funebre (Adagio assai)Vom majestätischen Es-Dur führt uns Beethoven in düsteres c-Moll. Er komponiert an zweiter Stelle einen Trauermarsch: Marcia funebre.
Dieses fahle Thema greift danach die Oboe auf. Auf einmal klingt es weniger schwarz, eher leicht melancholisch – oder hat es vielleicht sogar etwas Tröstliches?
Im weiteren Verlauf ist es abermals die Oboe, die, sich mit der Flöte vermählend, die Trauer des Grundthemas abmildert. Ist dieser Satz etwa gar nicht so pessimistisch wie uns die ersten Takte suggeriert haben? Wir sind auf einmal in C-Dur! Es gibt Grund also zur Hoffnung!
Doch Beethoven kehrt zum Trauermarsch-Thema zurück. Mehr noch: Er verdichtet das Geschehen. Die Hörner treten kraftvoll fortissimo hervor. Immer wieder fordert Beethoven sforzato – starke Betonungen. Alles steuert auf einen Höhepunkt zu – und mündet in einer sehr kurzen Pause.
Der Schluss? Alles scheint sich aufzulösen. Leonard Bernstein, der berühmte amerikanische Dirigent, meinte einmal: Hier sehe man förmlich die Musik, wie sie in Fragmente zerbricht.
III. Satz
Scherzo (Allegro vivace)Beethoven hat sich schon in seinen beiden ersten Sinfonien vom höfischen Menuett als drittem Satz gelöst. Das Scherzo bietet ihm einfach mehr Möglichkeiten, die besser zu ihm passen: das Bissige, das Sich-Aneinander-Reibende, die vielen kühnen Veränderungen auf engstem Raum – und nicht zuletzt die Möglichkeit, die Satz-Form zu erweitern.
Allegro vivace: Die Streicher beginnen sempre pianissimo e staccato (»immer leise und kurz«). Ganz enge Tonschritte sorgen für zusätzliche Unruhe. Bald tritt keck die Oboe hinzu.
Es ist eine nervöse Atmosphäre – und was für ein Gegensatz zum anfangs so fahlen zweiten Satz! Hier nun lädt sich von Takt zu Takt mehr Spannung auf, man wartet geradezu auf die Explosion. Die aber verweigert uns Beethoven – zunächst. Doch dann folgt das Fortissimo:
Der Mittelteil, genannt Trio, wird von drei Hornstimmen eröffnet. Jagd-Assoziationen sind erlaubt.
Anschließend greift Beethoven den ersten Teil zwar wieder auf, aber nicht eins zu eins. Der Satz endet mit einem Alla breve-Abschnitt, wo das Tempo sich zu beeilen scheint. Beethoven täuscht ein Ende an, führt uns kurz in die Irre, um dann auf den erwarteten Schluss zuzusteuern.
IV. Satz
Finale (Allegro molto – Poco andante – Presto)Das Finale beginnt Allegro molto und entsprechend stürmisch. Wo Beethoven im ersten Satz auf kantige Akkorde setzt, verlangt er jetzt wild rauschende Läufe aus schnellen Sechzehntel-Noten. Dann folgt ein abrupter Stopp: fünf kurze Akkorde und ein lang gehaltener.
In diesem Satz zeigt sich, wie eng alles in der ganzen Sinfonie miteinander vernetzt ist: Immer wieder tauchen rhythmische und melodische Elemente auf, die wir, unter der Lupe betrachtet, schon aus den vorigen drei Sätzen kennen. Schließlich erklingt erstmals das markante Thema, das uns mehrfach in Beethovens Schaffen begegnet.
Die Keimzelle dieses Themas ist der letzte der 12 Contredanses WoO 14. Auch in den Klaviervariationen op. 35 und in Die Geschöpfe des Prometheus spielt das Thema eine prägende Rolle. Das Tanz-Original aus dieser Ballettmusik klingt so:
Im Finale der »Eroica« zerpflückt und variiert Beethoven dieses Ohrwurm-Thema mehrfach. Etwa durch die Flöte.
Wenn die Flöte darf, kann auch die Oboe. Bei ihr hingegen erscheint das Thema von aller Hektik befreit und wie in Zeitlupe.
Es gibt in diesem Satz fugenartige Abschnitte, Beschleunigungen, Verdichtungen, Verlangsamungen. Mehr als 400 Takte ist das Finale lang. Es ist halb Kontrapunkt-Studie, halb freie Fantasie, mal volkstümlich, mal pastoral, mal innig, mal pompös. Doch dann überführt Beethoven die Musik in einen seltsamen Schwebezustand. Eine Hängepartie mit offenem Ausgang. Wie mag das enden?
Will Beethoven uns einschläfern? Das würde nicht zu einer solch groß konzipierten Sinfonie passen. Schließlich prasselt die Coda, der Schlussabschnitt, auf das Publikum ein. 31 Takte Presto. Ein Rausch! Stürmisch und mit viel Fanfaren-Charakter schließt die »Eroica«: heroisch eben.
Beethovens Dritte beim Festival
- , Beethovenhalle, Großer Saal
Kit Armstrong & Le Concert Olympique III
Orchester, KlavierIlya Gringolts, Christian Poltéra, Jan Caeyers
Beethoven, Bach
Wir danken Arion für die Erlaubnis der Nutzung von Musikauschnitten aus der Aufnahme von Jan Caeyers von der Sinfonie Nr. 3.
Copyright: Beethoven Akademie, Jan Caeyers: Beethoven: Symphonies No. 3 & No. 1, Vol. 2 (Arion 2011)




