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Listening Guide

Beethoven: Sinfonie Nr. 7

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Ludwig van Beethoven, Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92, Erstdruck der Partitur, Steiner, 2560 © Beethoven-Haus Bonn, C 92 / 39

Es dürfte keinen besseren Einstieg in die Welt der Musik Beethovens geben als seine siebte Sinfonie A-Dur. Eine Sinfonie mit vier unvergleichlich kraftvollen, tänzerischen, originellen Sätzen. Vier schnelle (!) Sätze, denn so einen ›richtig langsamen‹ Sinfonie-Teil suchen wir im Grunde vergeblich. Lernen Sie das Werk im Listening Guide kennen!

Ein Kritiker, Zeitgenosse von Beethoven, schrieb in der »Allgemeinen musikalischen Zeitung« über dessen ›Tanz-Sinfonie‹, seine Sinfonie Nr. 7 in A-Dur: »Sie beginnt mit einer Introduktion, in welcher sich sogleich der kühne Adlerflug des ideenreichen Tonsetzers, des gewandten Kontrapunktisten und des geistreichen Harmonikers unverkennbar ausspricht!«. Im rhythmisch unsagbar vorantreibenden Scherzo walte »Beethovens neckender, humoristischer Geist« und im feucht-fröhlich triumphierenden Finale »wildes, schwelgendes Leben«.

 Arno Lücker, Musikwissenschaftler, Pianist und Buchautor, führt in die Sinfonie ein. Mit Hörbeispielen, die die wichtigsten Themen, Motive und Stimmungen der Siebten aufgreifen. Dafür verwenden wir eine Aufnahme vom Beethovenfest 2012. Kurt Masur dirigierte damals die Dresdner Philharmonie. Illustrationen bieten die fantasievollen Ölgemälde des italienischen Künstlers Tommaso de Meo, der die vier Sätze der Siebten in Farben und Formen porträtiert hat.

Plakat für die 2. Aufführung der 7. Sinfonie: Beethovens große musikalische Akademie am 2. Januar 1814 im großen Redoutensaal Wien © wikimedia commons

Raus mit der Baumwolle!

»1812. 13ten April«: Diese von Beethoven stammende Notiz auf dem Autograph der Siebten bezieht sich vermutlich auf den Tag der Vollendung der Niederschrift. Im Winter um den Jahreswechsel 1811/12 herum hatte Beethoven die wesentliche Arbeit an der Partitur geleistet. Der Plan sah vor, die Sinfonie sehr bald in einem Benefizkonzert in Graz uraufzuführen. Jedoch erst am 8. Dezember 1813 fand die Uraufführung unter der Leitung Beethovens im Saal der Wiener Universität statt. Zusammen mit dem Beethovenschen Schlachtengetümmel von »Wellingtons Sieg«, op. 91. Beethovens Hörfähigkeit hatte sich zu diesem Zeitpunkt dramatisch verschlechtert. Im Skizzenbuch zur 7. und 8. Sinfonie vermerkte Beethoven: »Baumwolle in den Ohren am Klawier benimmt meinem Gehör das unangenehm Rauschende.« Und man kann sagen: Beethoven schrieb sich mit seiner Siebten die Baumwolle aus den Ohren.

Tommaso de Meo: »Beethovens Sinfonie Nr. 7, 1. Satz«, Ölgemälde, Rom, 1965 © Beethoven-Haus Bonn, B 3137

I. Satz

Kein großer Künstler will es dem Publikum zu leicht machen. Und auch Beethoven wollte auf keinen Fall zu leicht ›lesbar‹ sein. Kein Wunder also, dass der Beginn vom ersten Satz der Sinfonie (Poco sostenuto – Vivace) eben ausdrücklich noch nicht ›tanzt‹! Die Sinfonie beginnt mit einer langsamen Einleitung. Der erste Klang: merkwürdig! Alle Instrumente spielen einen Akkord, aber die erste Oboe bleibt übrig. Das klingt irgendwie besonders, fast unangenehm. Das ist noch kein ›befreiter‹ Klang. Da ›stimmt‹ noch etwas nicht. Die Oboe spielt recht langsame Notenwerte, zeitlos, fast (absichtlich natürlich!) aussagelos. Das Ganze geschieht mehrere Male hintereinander – bis schließlich die Streicher ungeduldig werden und mit den Füßen trappeln. Von da aus steigen in den meisten Instrumenten Töne in die Höhe – mal abwechselnd, mal gemeinsam. Das ist eine dieser typischen ›Befreiungsstellen‹ in der Musik Beethovens: Raus aus der Misere, raus aus der Krise – und natürlich: Raus mit der Baumwolle!

Nach weiteren auskomponierten Momenten des Abwartens, Nachdenkens und Befreiens leiten dann die Flöten und Oboen das lustig-springende, fast ›italienische‹ Hauptthema des ersten Satzes ein. Beethoven inszeniert das voller Lust und Witz: Die springenden Töne sind zunächst noch nicht vollständig, will heißen: Flöten und Oboen versammeln nach ihren ersten Tönen noch weitere ›Freundinnen und Freunde‹, um so richtig tanzfähig zu sein. Erst scheinen die Streicher durch fast mahnende Einwürfe die Freude noch dämpfen zu wollen, aber die Walze kennt kein Halten mehr! Bald jauchzen die Hörner, die man aus dem Orchester-Gesamtklang meist gut heraushören kann, voller Freude. Überhaupt macht es sehr viel Spaß, in dieser Sinfonie auf die Hörner zu achten!

Tommaso de Meo: »Beethovens 7. Sinfonie, 2. Satz«, Ölgemälde, Rom, 1965 © Beethoven-Haus Bonn, B 3138

II. Satz

Auch der Beginn des zweiten Satzes (Allegretto) ist absolut individualistisch, originell. Die Holzbläser spielen einen Moll-Akkord – ist das nicht eine merkwürdige ›Mini-Ouvertüre‹? Was danach kommt: Das ist von so großem Ernst – und doch so bewegt. Fast durchweg dominiert ein Rhythmus-Modell aus der Kombination ›eine längere, zwei kürzere Noten‹, ein sogenannter Pavane-Rhythmus. Eine ›richtige‹ Melodie gibt es kaum. Achtet man nur auf die höchste Stimme, nämlich die der Bratsche (!), so hört man, dass die in den ersten Takten immer den gleichen Ton spielt!

Erst mit der Zeit wird klar: Beethoven zieht das Melodische ins Vertikale, arbeitet also mit unverwechselbaren Harmonien, die quasi selbst die Melodie bilden. Dabei lässt er mal hier, mal da Stimmen gemeinsam ›absacken‹. Die Farben verändern sich – aber der trauernde Gestus bleibt. Mit viel Vergnügen kann man darauf achten, in welchem Moment eine Stimme sich fast unbemerkt nach unten schleicht …

Großartig, innig, unvergleichlich, wie Beethoven durch ganz einfache Tricks durchgehend unsere Aufmerksamkeit bekommt. Er packt uns – und lässt nicht mehr los. Allein die Idee, nach dem ersten Block, der schon leise genug gespielt werden soll, anschließend noch leiser zu werden: fantastisch. Immer ein besonderes Erlebnis.

Bei dem Trauermarsch, der so langsam gar nicht ist, verharrt Beethoven nicht. Nach einigen Momenten splitten sich die Stimmen charismatisch auf. Nur die zweite Geige bleibt dem Rhythmus-Modell ›lang-kurz-kurz‹ treu. Bratsche und Cello spielen nun viel längere Noten, nehmen einen anrollenden Schleifer mit – während die Kontrabässe die Lücken kreativ füllen.

Von dort aus nimmt dieser weltumarmend schöne Trauer-Satz seinen Lauf – oder besser gesagt: Gang! Beethoven schaut in alle Ecken der Erinnerung, geht alle bisherigen starken Gefühle noch einmal durch; hin zu einer ganz neuen Aufrichtung des Individuums: tröstlich, kraftvoll, leidenschaftlich. Wer diesen Satz – am besten live – gehört hat, der ist danach nicht mehr derselbe Mensch.

Tommaso de Meo: »Beethovens 7. Sinfonie, 3. Satz«, Ölgemälde, Rom, 1965 © Beethoven-Haus Bonn, B 2284

III. Satz

Der dritte Satz (Presto), feucht-fröhlicher geht es nicht, macht gewissermaßen da weiter, wo der schnelle Teil des ersten Satzes begonnen hatte. 

Den unvergleichlichen Beethoven-Drive, der anschließend ins Spiel kommt, erreicht der Komponist durch das Mit- und Nebeneinander von ›Einzeln‹ und ›Zusammen‹ – beziehungsweise ›Hintereinander‹ und ›Gleichzeitig‹. Nach einigen Momenten springen die Pauken forsch ins Geschehen. Anschließend spielen alle Streicher in Gruppen das gleiche Motiv – nur jeweils hintereinander und jeweils eine Oktave höher. Dann beweisen die Holzbläser Zusammenhalt – und so schaukelt es sich immer weiter hoch (Dazwischen mahnt die Pauke wie ein strenger Lehrer, der gleich mit dem schweren Schlüsselbund wirft.) Bestens lassen sich hier Beethovens Zusammenballungs- und Vereinzelungstaktiken verfolgen! Das alles wird aber überragt von den originellen, hüpfenden, lebensfrohen Melodien, die man nach dem Konzert auf dem Nachhause-Weg pfeift – nein: pfeifen muss.

Tommaso de Meo: »Beethovens 7. Sinfonie, 4. Satz«, Ölgemälde, Rom, 1965 © Beethoven-Haus Bonn, B 3138

IV. Satz

Das Finale (Allegro con brio) ist so etwas wie eine Zusammenfassung aller vorherigen Sätze. Wieder eine absolute Überraschung am Beginn. Die Streicher spielen einen lauten, kurz angestochenen Akkord – und die anderen schmettern unmittelbar danach in den Saal. Als hätte ein Teil des Orchesters den Einsatz verpasst! Dann folgt eine Art … Stampf-Tanz? Alle machen mit – und haben Spaß!

An vielen Stellen spüren wir die Eigenheiten Beethovens: Auf rhythmischen Ideen reitet er herrlich wild herum – und betont dabei sehr gerne Noten, von denen man nicht gedacht hätte, dass ausgerechnet an dieser Stelle ein Akzent ins Haus steht!

Ein Stück voller Lebenskraft, Lebensmut und Bewegung. Ein Werk, das jede anstrengende Jogging-Einheit zu einem warmen Sommerspaziergang macht.

Beethovens siebte Sinfonie live beim Beethovenfest

Fr 2.4.2027
  • Zwei Personen stehen nebeneinander vor einem dunklen Hintergrund. Beide lächeln und haben die Arme verschränkt.
    19.30 Uhr, Beethovenhalle, Großer Saal

    Kit Armstrong & Le Concert Olympique V

    Kammerorchester, Klavier

    Jan Caeyers

    Bach, Beethoven

    Tickets ab 30.10.

    10 Uhr

Artikel von Arno Lücker
Ticket–Hotline +49 228 2010344 Mo, Mi–Fr, 10–14 Uhr
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