Wie präsentiert sich ein Komponist in Wien an der Schwelle zum 19. Jahrhundert dem musikalischen Publikum am besten? Wie zeigt man die eigenen musikalischen Fähigkeiten besonders eindringlich? Die Sinfonie gilt dafür als geeignete Form und, im Idealfall, als Türöffner. Am 2. April 1800 dirigiert Ludwig van Beethoven seine erste Sinfonie im »K.K. Hoftheater nächst der Burg«. Beim Beethovenfest 2026 ist das Werk mit Le Concert Olympique unter der Leitung des belgischen Dirigenten und Musikwissenschaftlers Jan Caeyers zu hören. Der Musikjournalist Christoph Vratz stellt Beethovens Erste im Listening Guide vor.
Listening Guide
Beethoven: Sinfonie Nr. 1

Beben auf dem Fundament der Tradition
Eine Sinfonie folgt, so will es die ›klassische‹ Epoche, bestimmten äußeren Gesetzen. Ihre äußeren Maße sind weitgehend vorgegeben. Der Kopfsatz soll länger sein als die folgenden Sätze. Auch ist die innere Struktur vorgegeben. Dem ersten Satz liegt das Schema der Sonatenform zugrunde, mit folgenden Abschnitten: Exposition (Präsentation der Themen), Durchführung (Verarbeitung derselben), Reprise (Analogie des ersten Teils) und Coda (eigenständiger Schlussteil).
Der formale Spielraum in einer Sinfonie ist also begrenzt. Doch genau diesen Spielraum gilt es zu nutzen. Gerade für einen Erneuerer wie Beethoven. Sein inneres Drängen hin zu einer individuellen, freiheitlich geformten Kunst ist groß. Regelhaftigkeit so viel wie nötig, Individualität so viel wie möglich – das könnte sein Motto sein.
Seit einigen Jahren ist Beethoven inzwischen in Wien, der Hauptstadt des Habsburgerreiches. Mit seinen 250 000 Bewohnern ist Wien jedoch deutlich kleiner als Paris und London. Aus Bonn kommend, bildet sich Beethoven in seiner neuen Heimat zielstrebig weiter, etwa als Schüler von Joseh Haydn. Schon bald sorgt er für Furore, vor allem als ein Pianist, der großartig improvisieren kann. 1795 stellt er sich erstmals mit einem eigenen Klavierkonzert dem Wiener Publikum vor, auch hat er bereits Sonaten und Kammermusik komponiert. Was noch fehlt, ist eine Sinfonie.
Für den 2. April 1800 kündigt Beethoven »eine große musikalische Akademie« an, wie auf den Theaterzetteln zu lesen ist (siehe Titelbild). Akademie bedeutet: eine Konzertveranstaltung mit einzelnen oder mehreren Künstlern, organisiert auf eigene Rechnung. Es ist Beethovens erste Akademie. Er geht damit, nicht zuletzt finanziell, ins Risiko. Doch jetzt möchte er sich allen zeigen, nicht irgendwo, sondern im Hoftheater, Wiens musikalischer Top-Adresse.
Auf dem Programm stehen unter anderem ein Klavierkonzert (op. 15), ein Kammermusikwerk (Septett op. 20) und, als siebter Programmpunkt, eine »neue grosse Symphonie mit vollständigen [!] Orchester, komponirt von Herrn Ludwig van Beethoven«.
I. Satz
Adagio molto – Allegro con brioSchon in den Einleitungstakten, »Adagio molto«, zeigt sich der Sinfoniker Beethoven als radikaler Erneuerer: Der Beginn, das harmonische Spiel mit den ersten Akkorden, weist den knapp 30-Jährigen als Non-Konformisten aus. Der Autor der Berlinischen Musikalischen Zeitung nannte diese Einleitung noch sechs Jahre nach der Uraufführung einen »unbestimmte[n], wenn gleich genialische[n] Anfang«.
Das Besondere an dieser Einleitung: Beethoven wagt hier nicht nur harmonisch viel, sondern er bezieht alle Komponenten der orchestralen Satzgestaltung mit ein. Die Orchestergruppen werden gleichsam gegeneinandergesetzt – auf der einen Seite lange Bläsermelodien, gleichzeitig auf der anderen die kurzen gezupften pizzicato-Antworten der Streicher. Ein Hallo-Wach-Effekt für das Wiener Publikum.
Eine differenzierte Lautstärkegestaltung spitzt den gesamten Spannungsverlauf der langsamen Einleitung weiter zu. Expressiver geht es kaum. Beethoven begegnet allen Gewohnheitsansprüchen mit einem klaren musikästhetischen Signal: Diese Musik ist anders, sie ist neu. Das gilt auch für den Übergang zum »Allegro con brio«, dem schnellen Teil des ersten Satzes.
Überhaupt nicht revolutionär sind Instrumentierung und Besetzung, hier folgt Beethoven noch der Hayndschen und vor allem der Mozartschen Tradition. Was er aber mit dem vorhandenen Instrumentarium macht, das ist anders, etwa sein Umgang mit Kontrasten. Das zeigt schon der abrupte Übergang zum lyrischen zweiten Thema, geprägt von Flöte und Oboe. Das Thema hat den Gestus einer Ecossaise. Ein tanzartiges Motiv als Gegengewicht zu den aufrüttelnden Akzenten des ersten Tutti-Themas!
In der Durchführung zeigt sich bereits Beethovens später verfeinerte Qualität, aus kompaktem Material ein Maximum an Verwandlungen herauszukitzeln. Widersprüche und Lösungen, Fragen und Antworten geben sich die Klinke in die Hand.
So aufschreckend, wie der Satz begonnen hat, so endet er auch. Die Coda kulminiert in fünf prallen Akkorden.
II. Satz
Andante cantabile con moto»Andante«, gehend, lautet die Vorgabe. Doch Beethoven reicht das nicht, er modifiziert die Angabe noch, durch den Hinweis »cantabile«, gesanglich, und durch ein ergänzendes »con moto«, bewegt. Also alles Andere als ein verhalten-gemächliches Schlendern. Wiederum packt Beethoven den Stier der Tradition bei den Hörnern. Der langsame Satz mutiert zu einer Musik, die wie ein stilisiertes Menuett daherkommt.
Beethoven verarbeitet das Themen-Material durch Moll-Trübungen, pulsierende rhythmische Figuren und freche Dissonanzen. Man meint an einigen Stellen, Franz Schubert hätte Beethoven hier bereits über die Schulter geschaut und sich von seiner Kunst der Instrumentierung inspirieren lassen.
Doch damit nicht genug: Beethoven verschachtelt die Stimmen fugenartig miteinander. Beim späten Beethoven wird diese Integration von Fugen-Elementen noch von zentraler Bedeutung werden.
III. Satz
Menuetto (Allegro molto e vivace)An dritter Stelle folgt in einer Sinfonie in aller Regel, so zumindest will es die Tradition, ein Menuett, ein alter höfischer Tanz-Satz. Zwar hat auch Haydn schon mit den Gestaltungsformen des Menuetts herumexperimentiert, auch Mozart lässt nichts unversucht, doch bei Beethoven fragt man sich: Verwendet er nur noch pro forma den Begriff ›Menuett‹? Viel aussagekräftiger ist, was er auch schreibt: »Allegro molto e vivace«. Schon diese schnelle Tempovorgabe lässt erahnen: Hier ist es vorbei mit dem gemäßigt raschen Gesellschaftstanz. Das ist beinahe schon ein richtiges Scherzo und fegt über das alles Höfische hinweg.
Innerhalb von Sekunden schwankt die Musik zwischen sehr leise und laut. Beethoven scheint ohne richtiges Thema auszukommen, dafür arbeitet er mit vielen fratzenhaften Wechseln. Die Pauke erweist sich als ständiger Antreiber.
Auch das Trio, wie man den Mittelteil eines Menuetts nennt, wird keineswegs, wie zu erwarten wäre, zur lyrischen Oase. Fast gespensterhaft untermalen die Streicher die gesangliche Linie der Holzbläser.
IV. Satz
Adagio – Allegro molto e vivaceDas Finale ist, wie der erste Satz, in der Sonatenform angelegt. Voran geht ein Adagio, eine langsame Einleitung: mit einem Motiv aus drei Tönen, die mehrfach wiederholt und dabei jedes Mal um einen weiteren Ton erweitert werden: Man kann einer Tonleiter bei ihrer Entstehung zuhören, bis beim sechsten Mal das »Allegro molto e vivace« beginnt, eine Bezeichnung, die wir vom dritten Satz bereits kennen.
Zwar schreibt Beethoven nicht, wie im Kopfsatz, ein »con brio« vor, aber feurig klingt dieser Satz allemal. Die Spannung lädt sich auf, plötzlich folgt eine unerwartete Kehrtwende, die Spannung muss sich erneut aufbauen. Doch typisch Beethoven: Alles geschieht in sehr rascher Abfolge, ökonomisch kompakt. Am Schluss setzt er in bester kammermusikalischer Manier die Holzbläser nochmals solistisch in Szene, bevor die Sinfonie fast abrupt im Tutti endet.
Wer meint, Beethoven komponiere in seiner ersten Sinfonie noch wie ein Anfänger, unsicher und noch nicht ganz klar in dem, was er will, irrt sich gewaltig! Kein Wunder, dass die Reaktionen auf Beethovens Akademie mit der Uraufführung seiner neuen Sinfonie gespalten sind: eine Mischung aus Zustimmung und Überraschung:
»Am Ende wurde eine Sinfonie von seiner Komposition aufgeführt, worin sehr viel Kunst, Neuheit und Reichthum an Ideen war; nur waren die Blasinstrumente gar zu viel angewendet, so daß sie mehr Harmonie, als ganze Orchestermusik war.«
– Allgemeine musikalische Zeitung 1800
Die Sinfonie Nr. 1 im Festival
- , Beethovenhalle, Großer Saal
Kit Armstrong & Le Concert Olympique I
Orchester, KlavierJan Caeyers
Bach, Beethoven
Wir danken Arion für die Erlaubnis der Nutzung von Musikauschnitten aus der Aufnahme von Jan Caeyers von der Sinfonie Nr. 1.
Copyright: Beethoven Akademie, Jan Caeyers: Beethoven: Symphonies No. 3 & No. 1, Vol. 2 (Arion 2011)