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Bariton Jonas Müller

Rampensau und Stimmtalent

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Ein Mann in einem schwarzen Anzug beugt sich vornüber und blickt in die Kamera.
Jonas Müller © Alexey Testov

Er hat mit Mitte Zwanzig schon vieles erreicht in der Gesangswelt. Nun kommt der aufstrebende Bariton aus Niederbayern ans Beethovenfest – als Preisträger des begehrten Musikpreises der Deutschen Wirtschaft. Wie man Sänger wird, wie man es bleibt und worauf es bei der Wahl des Klavierpartners ankommt, verrät Jonas Müller im Interview.

Wie hast Du Deine Stimme entdeckt?

Ich habe eine Knabenchor-Vergangenheit. Ich war in Niederalteich (Niederbayern) am Musischen Gymnasium, das zu einem Kloster mit Knabenchor gehört. Mein musikalischer Beginn war aber schon früher: So etwa mit fünf Jahren habe ich angefangen, Klavier zu spielen. Es wurde relativ schnell klar, dass ich eine Begabung für Musik habe. Wir hatten eine sehr gute Musiklehrerin in der Grundschule. Sie hat mit uns ein Kindermusical aufgeführt, bei dem ich meine erste große Rolle gesungen habe: die Hexe Lisbeth. Das war herrlich. Meine Mutter hat erzählt, dass ihr die Kinnlade runtergefallen ist, weil ich damals schon – auf gut Deutsch – eine Rampensau war, in der zweiten oder dritten Klasse. Richtig entdeckt, dass ich Sänger werden will, habe ich eigentlich bei einem Erlebnis mit 15 in der Schul-Big Band. Ich durfte bei einem großen Konzert der vier musischen Gymnasien im Landkreis Deggendorf vor 1000 Menschen zum ersten Mal solistisch singen: Michael Bublé It's a Beautiful Day. So nervös war ich in meinem Leben nie wieder. Aber dann hatte ich den klassischen Aha-Moment: Ich sang den ersten Ton und wusste, dass das meine Bühne ist. Da habe ich gedacht: Das könnte etwas für mich sein.

Hat Deine Familie Dich beim Weg zur Musik unterstützt?

Ich bin der einzige Berufsmusiker in der Familie. Aber ich komme aus einem Elternhaus mit Musikinteresse. Mein Vater spielt sehr leidenschaftlich Saxofon, meine Mutter hat gern im Chor gesungen. Meine ältere Schwester hat Klavier gelernt. Das war auch der Grund, warum wir ein Klavier hatten und warum ich überhaupt lernen wollte. Und obwohl ich ländlich aufgewachsen bin, sind meine Großeltern mit mir nach Passau in die Oper, das waren ca. 50 Kilometer.

War Dir schnell klar, dass du das auch beruflich machen und studieren willst?

Dass ich Musik machen will, war klar. Aber was genau? Ich habe auch überlegt, ob ich nicht doch Klavier studieren soll. Ich hatte Gesangsunterricht bei meinem Chorleiter. Er hat mich ermutigt, das Vorsingen an der Musikhochschule Würzburg zu probieren. Ich meldete mich als Tenor an. Die Professorin sagte dann zu mir: Möchtest du lieber ein Tenor sein, der immer mit der Höhe kämpft, oder ein Bariton mit einer tollen Höhe? Gottseidank habe ich den Weg als Bariton eingeschlagen. Ich habe mit 17 schon angefangen, weil ich durch G8 früh Abitur hatte. Ich wollte mich aber erstmal nicht festlegen: Ich wusste ja, dass das ein hartes Pflaster ist, das Musikgeschäft, und wollte mir anschauen, ob es etwas für mich ist. Nach zwei Jahren habe ich gemerkt, dass ich da schon mithalten kann und es eine Zukunftsperspektive gibt.

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Ein wichtiger Mentor in Deiner Karriere ist der erfahrene Liedbegleiter Gerold Huber. Wie kommt man als junger Student dazu, Liederabende mit einer solchen Koryphäe zu geben?

Mit grade 18 ging ich einmal in der Würzburger Musikhochschule die Treppe herunter und las zufällig am schwarzen Brett: Gerold Huber. Mir sind die Augen aus dem Kopf gefallen – was macht der hier? Dann hat mir jemand erzählt, dass er hier Professor ist. Der Musikhochschul-Pförtner hieß auch Gerold, ein echter Franke. Der hat mich dann zur Seite genommen und mich bei dem anderen Gerold vorgestellt: »Ich habe da einen für dich, einen anderen Niederbayern.« Gerold hat gleich gesagt: „Ah ja, kommst du mal vorbei?“ So kam die Connection mit Gerold Huber und auch meine Liedaffinität. Inzwischen kenne ich ihn fast neun Jahre. Vor einigen Jahren machten wir zusammen Schumanns Dichterliebe. Da hatte ich natürlich im Hinterkopf, dass er das Stück, bevor er es mit mir spielt, schon fünf Mal auf CD aufgenommen hat. Er weiß ganz genau Bescheid und bringt es immer auf den Punkt, wenn ihm irgendetwas nicht passt. Da muss er nur ein Wort sagen und man weiß genau, wo man falsch lag.

Welche Rolle spielt ein:e Klavierpartner:in für Dich als Sänger?

Zurzeit singe ich mit drei Pianist:innen sehr gerne. Neben Gerold Huber arbeite ich schon sehr lang und gern mit Anna Gebhardt, die auch beim Konzert in Bonn dabei ist. Eine neue Partnerschaft habe ich mit Aris Blettenberg, ein Münchner Pianist, Arrangeur, Komponist, Dirigent, in wahnsinnig guter Allrounder. Alle drei haben ihre ganz eigenen Qualitäten und mit jedem singt es sich anders – völlig wertungsfrei. Klavierbegleiter:innen spielen eine große Rolle für jede:n Sänger:in. Ein guter Begleiter ist auch immer ein bisschen ein Stimmcoach. Denn ich kann mich als Sänger nicht so hören, wie es für die Außenwelt klingt. Deswegen ist man auf dieses Gegenüber angewiesen. Die Pianist:innen mischen sich nicht gesangstechnisch ein, aber sie sagen, was sie sich klanglich vielleicht anders vorstellen. Und sie weisen mich auf Fehler hin.

Wie schafft man es, diese Kontrolle über einen so körperlichen Vorgang wie das Singen zu erreichen?

Das ist sehr intuitiv, und oft hängt man stark vom eigenen subjektiven Gefühl ab. Sehr viel wird von der Akustik beeinflusst, die mir einen Klang zurückspiegelt. Es gibt Konzerte, wo ich den Eindruck habe, eine Socke im Mund zu haben. Das ist furchtbar, weil ich das nur begrenzt steuern kann. Deswegen kommt es darauf an, sich selbst gut zu spüren und viel mit der Vorstellungskraft zu arbeiten. Wie färbe ich meinen Klang? Soll es nach Mokka klingen, oder sollte es eigentlich Sprudelwasser sein?

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Für Bonn hast Du einen Liederabend neu konzipiert. Was war der Grundgedanke?

Im Rahmen meiner Tournee als Preisträger des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft gebe ich sechs Konzerte. Damit es nicht zu viel wird, habe ich dafür drei Programme vorbereitet. Das Programm für Bonn mache ich auch beim Luzern Festival. Dort ist das Motto »American Dream«, das Motto in Bonn ist »Nach Hause/Daheim«. Ich wollte also etwas machen, was zu beiden Themen passt. Herausgekommen ist die Überschrift »Irgendwo auf der Welt«. Ein Teil davon ist die Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Traum – gerade für die Ausgewanderten, für die er eine Verheißung war. Das hat direkt Bezug zum Bonner Motto und der Auseinandersetzung mit Heimat(verlust). Hanns Eisler, der 1938 nach Los Angeles kam, hat das in den seinen Hollywood-Elegien auf Gedichte von Mit-Emigrant Bertolt Brecht verarbeitet. Er nimmt diese Hoffnungen ziemlich aufs Korn: »Unter den grünen Pfefferbäumen gehn die Musiker auf den Strich.« Das Programm ist ansonsten in vier Teile strukturiert, die je durch ein programmatisches Schubertlied definiert werden. Drang in die Ferne zum Beispiel, in dem es darum geht, dass man es zu Hause nicht mehr aushält – aber dann durch die Erfahrungen in der Fremde enttäuscht wird. Zum Schluss gibt es mit Frühlingsglauben ein hoffnungsvolles Lied. Schubert ist für mich immer sehr zentral.

Für Dich gehört es auch oft dazu, Deine Konzerte zu moderieren. Wie gehst Du dabei vor?

Ich finde es wichtig, so konzeptionelle Programme wie dieses zu moderieren. Die Technik dafür schaue ich mir aus dem Kabarett ab. Die skripten sich das und lernen es auswendig – dann ist man frei. Ich liebe gute Vorbereitung.

Für Sänger ist es auch immer wichtig, eine Karriere nachhaltig in die Zukunft zu planen, damit die Stimme lange durchhält. Woran hältst Du Dich und wo willst Du noch hin?

Bei den Baritonen ist die anatomische Stimmentwicklung über das Lebensalter ein großes Thema. Ich bin jetzt Mitte 20 – da wird sich noch relativ viel verändern. Für mich ist es lehrreich, mit älteren Kollegen zu arbeiten, die ein ähnliches Material mitbringen wie ich. Da kann ich mir anschauen, wie ich selbst in 5 oder 10 Jahren sein könnte, worauf man vielleicht achten muss. Als Sänger arbeitet man auch dem Studienende weiterhin mit Stimmcoaches. Ich gehe immer noch zu meiner Lehrerin aus dem Studium, zur Kontrolle und Weiterentwicklung. Mir ist besonders wichtig, jemanden zu haben, der meine Stimme gut kennt, dem ich vertraue. Wenn man später an Opernhäusern angestellt ist, trifft man auf viele Coaches, die sehr starke Meinungen und eigene Vorstellungen haben. Das kann sich mit der eigenen Vorstellung beißen und problematisch sein. Generell ist mir für die Zukunft wichtig, nichts zu überstürzen. Man darf nicht zu früh zu viel singen, für das man noch nicht bereit ist.

Jonas Müller beim Festival

Di 15.9.2026
  • 19.30 Uhr, Beethoven-Haus Bonn

    Jonas Müller & Anna Gebhardt

    Vokal

    Schubert, Schumann, Eisler

Artikel von Regine Müller
Ticket–Hotline +49 228 2010344 Mo, Mi–Fr, 10–14 Uhr
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