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Jakob Nierenz vom Rothko String Quartet

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Ein Mann spielt das Violoncello in einem Konzert. Sein Rücken ist zur Kamera, und sein Kopf ist nach rechts gedreht, sodass sein Gesicht im Profil ist.
Jakob Nierenz © Beethovenfest Bonn

Auf der Suche nach immer neuem Repertoire stellt das Rothko String Quartet ein Programm mit epochen- und stilspannender Substanz auf. Die vier eng befreundeten Musiker:innen arbeiten als Quartett vielleicht eher unkonventionell zusammen. Doch gerade darum – durch gemeinsame und auch unterschiedliche musikalische Interessen – finden sie immer wieder spannende Projekte. Über das persönliche Anliegen, den Kanon aufzubrechen und die Musik Schwarzer Komponist:innen zu würdigen, haben wir mit dem Cellisten Jakob Nierenz gesprochen.

Du bist als Cellist meistens in Ensembles zu erleben – und mit ganz unterschiedlichen Projekten, mal im Rothko Quartet, mal beim Ensemble Reflektor oder beim divers zusammengesetzten Chineke! Orchestra. Warum kein Solo-Abend? Was gefällt Dir an der Quartett-Arbeit?

Ich war eben nie der Solisten-Typ. Für mich ist es sehr schön, in einem Raum zu sein, wo alle etwas beitragen und ihre Sache mit einbringen. Gemeinschaftlich fühlt es sich am besten an, und am Ende ist Musik etwas höchst Gemeinschaftliches. Durch Musik Menschen kennenzulernen: Das ist es, was ich liebe – und dass das auch mit Instrumenten funktioniert, die nicht aus unserer Tradition kommen. In unserem Quartett darf ich mich voll ausleben. Wir vier verstehen uns sehr gut, weil wir uns schon lange kennen und unsere Geschmäcker viele Überschneidungen haben.

Euer Streichquartett bewegt sich jenseits der normalen, erwartbaren Bahnen. Wie kam es dazu?

Als wir im Rothko String Quartet angefangen haben, vor 10 Jahren, spezialisierte sich einer unserer Geiger auf Neue Musik, der andere auf Alte Musik – und unser Bratscher Marc und ich haben immer schon sehr viel unterschiedliche Musik gespielt, mit besonderem Interesse für Improvisation. Aber genau deswegen liegt es uns gut, schnell die Stile zu wechseln. Wir können romantische Phrasen spielen und dann im nächsten Stück äußerst anstrengende Minimal Music, die sich körperlich ganz anders anfühlt. Für uns gehört es dazu, informiert zu sein: in Neuer Musik, in erweiterten Spieltechniken und in der traditionellen Streichquartett-Schule. 

Ein Streichquartett spielt in einem dunklen Raum, umgeben von sitzendem Publikum. Stimmungsvolle Lichter beleuchten die Musiker von oben.
Rothko String Quartet © Diana Lim

Euer Leben besteht aber nicht nur aus dem Rothko String Quartet, Ihr seid kein klassisches stehendes Quartett. Welche Auswirkung hat das auf Eure Arbeitsweise?

Natürlich arbeiten wir deswegen anders als ein Quartett, das 100% seiner Zeit zusammenspielt. Wir proben nicht ausschließlich miteinander. Daher ist unser Weg auch insgesamt ein anderer und langsamerer.

Aber für uns war von Anfang an klar, dass wir nicht nur im Quartett sein wollen. Und ich würde sagen: Eben weil wir alle unterschiedliche Sachen machen, gehen wir immer sehr inspiriert in die gemeinsamen Projekte. Dann wollen wir neue Dinge ausprobieren, die wir anderswo entdeckt haben. Oder unsere Sichtweise wieder anpassen.

Bei der Gründung war die Eingangsfrage: Warum braucht es uns eigentlich? Die Repertoire-Erweiterung ist für uns ein wichtiger Daseinsgrund, denn wir entdeckten, wie viel Musik für unsere Besetzung geschrieben wurde und bis heute nicht gespielt wird. Gerade bei Schwarzen Komponist:innen zu schauen, was es noch zu entdecken gibt, ist ein persönliches Anliegen. Abgesehen davon wachsen wir auch stetig als Gruppe – unser Projekt ist auf lange Sicht angelegt, weil wir auch einfach sehr eng befreundet sind. Wir haben außerdem zusammen das Kammerorchester ensemble reflektor gegründet. Die langjährige Arbeit trägt verschiedene Früchte. Dass wir heute als Quartett so ein Programm beim Beethovenfest spielen dürfen, war von Anfang an ein Traum.

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Erzähle uns etwas über die Stücke, die ihr fürs Beethovenfest zusammengestellt habt.

Da ist erstmal ein Quartett von Joseph Bologne Chevalier de Saint-Georges. Der Beiname »Schwarzer Mozart« ist absolut irreführend: Im Gegenteil war Mozart sogar inspiriert von ihm, etwa von seinen Violinkonzerten, durch die er als Virtuose bekannt und innovativ war. Er war damals wahnsinnig berühmt, aber heute ist nur Mozarts Name hängengeblieben. 

Die Musik von Florence Price kann unglaublich dicht werden. Sich in diesem Dickicht noch transparent zu bewegen und alles durchzuhören, ist sehr herausfordernd. Auch, weil es kaum Vorbilder aus anderen Aufnahmen von diesem Repertoire gibt. Aber das Klangergebnis ist toll, ›lush‹ sozusagen, farbenreich, vielleicht irgendwo zwischen Wagner und Debussy, aber trotzdem einzigartig.

Bei Eleanor Alberga ist das kompositorische Niveau einfach überwältigend. Ihre Partitur ist besonders beeindruckend – alles klingt offen, es entstehen unglaubliche Resonanzen und Gefühle. 

Jessie Montgomerys Quartett hat uns als Ensemble sehr definiert, wir haben es schon viele Jahre im Repertoire. Sie ist eine Komponistin unserer Generation aus den USA und liefert einen Gegenentwurf zur verkopften europäischen Neuen Musik. 

Und Coleridge-Taylor Perkinson schreibt über das selbe Spiritual wie Florence Price, »Calvary«. Man spürt allen fünf Komponist:innen eine Verbindung zu ihrer Identität an, zu Elementen der nicht-europäischen Musik, zu Musik der afrikanischen Diaspora.

Fühlt sich das Konzert 2026 für Dich ein bisschen an wie nach Hause kommen? Du warst letztes Jahr Fellow beim Beethovenfest.

Ja, so ein bisschen komme ich wieder nach Hause. Ich mag das Team wahnsinnig gerne und ich finde das Programm toll. Wie Steven Walter das Festival umgewandelt hat, sodass es jetzt ein Ort ist, wo das so offen angenommen wird. Im letzten Jahr hat das Festival viel für mich als Fellow getan. Ich habe sehr viel Vertrauen gespürt, in das, was wir da machten, und in mein Debüt als Komponist. Ich bin sehr froh, dass ich im Quartett dieses Jahr auch etwas machen kann, was mir am Herzen liegt. Daher komme ich gerne zurück nach Bonn.

Jakob Nierenz beim Festival

Di 22.9.2026
  • Ein Streichquartett spielt in einem dunklen Raum, umgeben von sitzendem Publikum. Stimmungsvolle Lichter beleuchten die Musiker von oben.
    19.30 Uhr, Beethoven-Haus Bonn

    Rothko String Quartet

    Kammermusik

    Price, Perkinson, Montgomery

Artikel von Julia Grabe
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