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5 Fragen an ...

Dirigent Nicholas Carter

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Ein Mann steht in einem dunklen Anzug vor einer grauen, strukturierten Wand. Er schaut direkt in die Kamera.
Nicholas Carter © Matthias Baus

Nicholas Carter, australischer Dirigent mit Ambition: Zur Saison 2026/27 tritt er den Chefposten beim traditionsreichen Staatsorchester Stuttgart an. Sein erstes Konzert in dieser Funktion findet jedoch nicht in Stuttgart, sondern beim Beethovenfest Bonn statt: Mit einer überraschenden Mischung aus Sinfonik und Richard Wagner, dessen Musik dem Orchester »in der DNA« steckt, wie er im Interview erzählt.

Sie dirigieren Opernmusik in einem Sinfoniekonzert. Wie kam die Entscheidung zustande, etwas von Richard Wagner aufs Programm zu setzen?

Unser erster Gedanke war, mit welchem Repertoire wir uns im Beethovenfest als tolles Opernorchester präsentieren können. Ich wollte etwas dirigieren, das die Stärken des Orchesters und seine verschiedenen Facetten zeigt. Das Staatsorchester Stuttgart ist ein Klangkörper höchsten Kalibers mit einem bedeutenden Erbe – besonders, was Richard Wagners Musik angeht. Wagner ist Teil seiner DNA: Den Zyklus Ring des Nibelungen hat es viele Jahrzehnte gespielt, bereits mehr als ein Jahrhundert lang. Die Wahl fiel auf den ersten Akt der Walküre, weil er perfekt geeignet ist für eine konzertante Aufführung. Er ist sinfonisch geschrieben, geradezu virtuos für das Orchester. Hier kommt unsere Fähigkeit gut heraus, Sänger:innen zu begleiten und das Geschehen im Orchester mitzutragen.

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Welche Geschichte ergibt sich durch die Zusammenstellung mit Kaija Saariaho als Eingangsstück?

Das Staatsorchester Stuttgart ist ziemlich bekannt für zeitgenössische Musik und hat viele Uraufführungen bestritten. Wir starten das Konzert mit Saariahos Ciel d’hiver, »Winterhimmel«. Die finnische Komponistin malt darin eine winterliche Landschaft. Sie zeigt uns eine stille, erstarrte Weite. Es sehr poetische Musik, denn sie holt aus dieser Eintönigkeit unglaublich viele Farbschattierungen heraus. Ich glaube, die Schönheit dieser eiskalten Landschaft ist ein Teil von ihr, ihrer Welt und ihrer Kompositionsweise. In der Walküre nun gibt es das zentrale Liebeslied »Winterstürme wichen dem Wonnemond«, wo Siegmund den Frühlingsbeginn besingt. Wir starten das Konzert also in der Dunkelheit und gelangen am Ende ins Licht.

Dazwischen setzen Sie die »Unvollendete« von Schubert – vom Charakter sehr viel leichtfüßiger als Wagner und Saariaho.

Franz Schuberts »Unvollendete« ist einfach eine der großen Sinfonien, die seltsamerweise nicht so oft aufgeführt wird, wie sie es verdiente. Es ist eins dieser Stücke, die unter der eigenen Bekanntheit leiden. Mit der »Unvollendeten« zeige ich eine weitere Seite des Orchesters und seiner sinfonischen Wandelbarkeit. Diese imaginative romantische Musik ist ein wichtiges Vorbild für Richard Wagner. Man hört, wie er von den Frühromantikern inspiriert wurde und ihr Erbe weiterentwickelte. Sie in die Mitte des Programms zu setzen, ergibt eine schöne Reise.

Die drei Werke haben etwas Dunkles gemeinsam, oder?

Ich weiß, was Sie meinen. Tatsächlich sehe ich aber bei Ciel d’hiver meine Aufgabe darin, die Musik leuchten zu lassen, obwohl sie auf den ersten Blick grau wirkt. Aber ich möchte herausarbeiten, wie sie sozusagen von hinten beleuchtet ist – eine Wärme mitten im Winter. Auch beim Schubert natürlich: Ja, es ist eine Sinfonie in Moll. Aber immer wieder strahlt die Sonne durch, zum Beispiel im zweiten Thema des ersten Satzes. Das ist einfach eine der unschuldigsten, hinreißendsten und optimistischen Melodien von Schubert. Er zieht einen runter, aber in der nächsten Sekunde öffnet er den Himmel. Und der Anfang der Walküre ist sicherlich düster, sehr dramatisch und sehr angespannt. Aber dann entwickelt sich alles von der Nacht zum Licht am Ende des Akts. Es ist aufregend, das mitzuerleben.

Ein Mann in einem dunklen Pullover sitzt auf einem Stuhl. Er stützt sein Gesicht auf die Hand und lächelt sanft.
Nicholas Carter © Matthias Baus

Machen Sie mit diesem Programm auch ein Statement als neuer Generalmusikdirektor in Stuttgart?

Das Konzert in Bonn wird tatsächlich mein allererstes als Generalmusikdirektor des Staatsorchesters sein. Das hat sich so ergeben, da uns das Festival engagieren wollte. Ich finde es wunderbar und ein bisschen lustig, dass wir unsere Reise sozusagen ›on the road‹ zusammen beginnen. Dieses Programm steht tatsächlich für meine Absichten in Stuttgart. Mit einer der wichtigsten zeitgenössischen Komponistinnen zu beginnen, finde ich großartig – Neue Musik ist meine Leidenschaft. Auch die frühromantische Musik von Schubert liegt mir besonders. Mich fasziniert, wie innerhalb der klassischen Formen die Grenzen von Harmonie und Struktur immer weiter aufgebrochen werden. Und Wagners Ring gehört für mich zu den größten Kunstwerken der Menschheit, ganz oben mit Michelangelos Sixtinischer Kapelle oder Bachs »h-Moll-Messe«. Ich habe ihn schon mehrmals dirigiert und freue mich einfach darauf, diese bewusstseinserweiternde Musik mit einem Orchester aufzuführen, das sie intuitiv versteht. Viele der Mitglieder waren schon Teil des Orchesters der Bayreuther Festspiele.

Konzert beim Festival

Fr 2.10.2026
  • 19.30 Uhr, Beethovenhalle, Großer Saal

    Staatsorchester Stuttgart

    Orchester, Vokal

    Simone Schneider, John Findon, Nicholas Carter

    Saariaho, Schubert, Wagner

Artikel von Marthe Lisson
Ticket–Hotline +49 228 2010344 Mo, Mi–Fr, 10–14 Uhr
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