Eine herausragende Dirigentin unserer Zeit führt beim Beethovenfest 2026 eine Serie zu Ende: Anja Bihlmaier ist nun das dritte Jahr mit sehr unterschiedlichen Orchestern und ausgesprochen vielseitigen Programmen in Bonn zu Gast. Mit dem BBC Philharmonic Orchestra, dessen Principal Guest Conductor sie seit 2024 ist, präsentiert sie Lili Boulangers Psalm 24 und das Deutsche Requiem von Johannes Brahms.
Warum haben Sie die beiden Stücke für das Konzertprogramm zusammengestellt?
Es ist schon lange mein Traum, das Brahms-Requiem endlich einmal dirigieren zu dürfen. Es ist eines der wenigen großen Stücke, die die ich selber als Chorsängerin noch nicht gesungen habe. Ich bin absoluter Brahms-Fan. Durch ein Stipendium der Brahms-Gesellschaft durfte ich einen Studienaufenthalt in seinem Hamburger Wohnhaus machen. Für mich ist er neben Beethoven der Komponist, der mir am meisten bedeutet. In seiner Musik ist nichts unnötig, alles ist Essenz. Die Werke sind von einer großartigen Schönheit und Ausgewogenheit. Gerade sein Chorklang hat etwas Rundes, Samtiges. Das berührt mich immer tief. Das Deutsche Requiem ist sehr modern: Es geht um Trost, nicht um ein Schreckensszenario. Auch Lili Boulanger ist eine radikale und fortschrittliche Komponistin. Ihre Psalmenvertonung ergibt zu Brahms einen dramatischen Gegensatz, den ich sehr reizvoll finde.
Das Beethovenfest 2026 hat das Thema »Nach Hause/Daheim«. Es klingt so, als ob Brahms eine Heimat für Sie ist.
Ja, das ist er. Meine Musikbiografie ist stark von ihm bestimmt, etwa gehörte er zum Repertoire bei meiner Abschlussprüfung in Chordirigieren. Ich verbinde einzigartige Erinnerungen mit seiner Musik, zum Beispiel ein A-cappella-Konzert auf einem Schiff auf einem Fjord in Neuseeland. Überall, wo ich auf der Welt dirigiere, bringe ich sehr oft Brahms mit. Das ist auch die Kultur, in der ich aufgewachsen bin und auf die ich stolz bin. Und gerade das Requiem ist wohl sein heimatlichstes Stück. Diese Helligkeit, die im Finale aufbricht. Oder der zentrale Satz, »Wie lieblich sind deine Wohnungen«. Das schließt wunderbar an das Festivalmotto an.



