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Karin Freist-Wissing

Bachs »h-Moll-Messe« im Jazz-Gewand

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Eine Dirigentin mit lockigem Haar leitet ein Orchester. Mehrere Musiker spielen Streicherinstrumente, konzentriert auf die Musik.
Karin Freist-Wissing © privat

Karin Freist-Wissing, Kirchenmusikdirektorin der Kreuzkirche Bonn, hat im Beethovenfest 2026 Großes vor. Sie leitet ein Riesenprojekt mit vier Ensembles, darunter ihr Kammerchor Vox Bona, rund um Bachs letztes großes Vokalwerk. In kongenialer Zusammenarbeit mit dem Bonner Jazzpianisten Marcus Schinkel entsteht eine Rekomposition der »h-Moll-Messe« unter dem neuen Titel Missa Morphosis. Hier berichtet sie, wie viel Bach, wie viel Schinkel dort zu hören ist und wie sich Vox Bona dem Jazz-Experiment nähert.

Wie kam es zu dem Projekt?

Ich kenne Marcus Schinkel schon lange, in der Musikszene in Bonn kennt man sich. Unsere erste Zusammenarbeit war das Projekt Credo in unum mundum, wo er im Rahmen des Beethovenfests 2022 für meine Kantorei und mein Sinfonieorchester an der Kreuzkirche Beethovens Missa solemnis in einer Jazzfassung umgearbeitet hat. Ich wollte dann gerne wieder etwas gemeinsam machen und kam auf Bachs »h-Moll-Messe«. Sie ist für mich eins der Gipfelwerke der Musikliteratur. Ich habe das dann dem Intendanten Steven Walter vorgeschlagen – der ist ja auch immer für verrückte Sachen zu haben. So ist das Projekt Missa Morphosis entstanden. 

Was an der h-Moll-Messe macht sie geeignet, verjazzt zu werden?

Ein Aufhänger ist vielleicht, dass Bach wahnsinnig rhythmisch ist. Und gerade in der »h-Moll-Messe«: die schnellen Fugen, zum Beispiel »Cum sancto spiritu«, das knallt so richtig, mit den Trompeten und den Pauken. Auch der Chor hat einen rhythmischen, perkussiven Sound, durch Synkopen, durch Verschiebungen der Rhythmen. Oder die schnelle Fuge in »Pleni sunt coeli« am Ende vom Sanctus, das klingt wie ein verschränkter Zweier- und Dreiertakt, verrückt. Da kann man mit dem Jazz-Schlagzeug sehr gut ansetzen.

  • Eine Gruppe von Menschen in schwarzer Kleidung hält blaue Chorbücher hoch. Eine Frau steht lächelnd in der Mitte.
  • Ein großer gemischter Chor in schwarzer Kleidung steht draußen auf einer von Bäumen gesäumten Allee und hält blaue Mappen.

Wie lief der Probenprozess ab?

Ich habe im November 2025 die »h-Moll-Messe« im Original mit Vox Bona aufgeführt. Wir haben also schon sehr intensiv mit dem Werk gearbeitet. Während der Proben habe ich eine große Plakatwand in unserem Probenraum aufgehängt, auf der ich Details zur Entstehungsgeschichte von allen Teilen aufgeschrieben habe. Dazu kamen Gedanken von mir zu den Messetexten und zu der Musik. Beide berühren das ureigenste Menschenverständnis, über alle Zeiten hinweg. Dann hat der Chor im Laufe unserer Probenzeit eigene Ideen entwickelt, Bilder gemalt, Gedichte geschrieben, Fotos aufgehängt. So hat sich jede:r einzelne:n Chorsänger:in das Stück zu eigen gemacht. Auf einer solchen Grundlage macht es Spaß, mit Marcus Schinkels Jazzbearbeitung zu experimentieren. Als wir Anfang des Jahres mit den Proben dazu angefangen haben, war diese Rekomposition noch gar nicht fertig. Das Stück wurde mit viel Improvisation weiterentwickelt, es gab unzählige Versionen, bis die Noten dann final waren. Der Prozess machte einen Riesenspaß, war aber natürlich ungewöhnlich. 

Wie hat Marcus Schinkel Bachs Original bearbeitet?

Sehr viel aus Bachs Musik ist original geblieben, aber einiges wurde verändert. Marcus Schinkel arbeitet auf eine sehr besondere Art. Er zerschneidet die Partitur und setzt sie neu zusammen. So entsteht wirklich ein komplett neues Werk, in dem aber ganz viel Bach zu hören ist.Zum Beispiel die Solo-Arien werden von vier klassischen Sänger:innen im Original gesungen. Alle anderen Teile der Messe kommen nicht hintereinander, sondern verschränkt – und die Ensembles vermischen sich ebenfalls: The Real Group, Vox Bona, das B’Rock Orchestra und das Jazz-Trio von Schinkel.

Bach selbst hat seine Messe teilweise aus älteren Kantatensätzen zusammengestellt – gibt es da eine Ähnlichkeit im Kompositionsverfahren zu Schinkel?

Die Neutextierung älterer Stücke, das sogenannte Parodieverfahren, war nicht einfach nur Abschreiben oder Wiederverwerten, sondern eine riesengroße Kunst. Und man darf auch nicht vergessen, dass damals die Musik in der Schublade verschwand, nachdem sie einmal aufgeführt wurde. So hatte man die Möglichkeit, die Musik doch weiterzutragen. Bach hat für seine H Moll Messe aus seinem gesamten Oeuvre das Beste ausgesucht und in den beiden letzten Lebensjahren noch vieles neu dafür komponiert. Man kann vermuten, dass das aus seiner Sicht mit das Beste ist, was er geschrieben hat – sein Vermächtnis. Jedenfalls war es für ihn normal, seine eigene Musik neu zusammenzusetzen – ähnlich wie in unserer Rekomposition.

  • Drei Männer in schwarzen Anzügen sitzen auf einem Sofa in einem eleganten Raum. Sie blicken ernst in die Kamera.
  • Fünf Personen stehen zusammen und posieren fröhlich. Sie tragen verschiedene modische Outfits und zeigen eine entspannte, freundliche Atmosphäre.
  • Eine große Gruppe von Menschen posiert gemeinsam in einem industriellen Raum. Einige halten Musikinstrumente, andere stehen lässig.

Haben Sie und der Chor Vox Bona bereits Jazz-Erfahrung?

In meiner Familie sind mehrere Jazz-Musiker:innen. Ich selber finde Jazz-Klavier toll und interessiere mich für Jazz-Gesang. Aber Vox Bona singt im klassischen Gesangsstil, informiert von der Ästhetik der Alten Musik. Dann aber kommt das mit dem Jazz zusammen – und es passt. Es ist ganz verrückt, aber es passt. Wir müssen gar nicht versuchen, irgendetwas zu machen, was wir als Kammerchor nicht draufhaben, was andere Jazzchöre besser können.

Was bringt das schwedische Jazz-Quintett The Real Group in diesen Mix ein?

Es war meine Idee, The Real Group mit ins Projekt zu nehmen. Sie haben sich ja komplett neu aufgestellt – die alte Besetzung ist inzwischen gegen ganz junge Leute ausgetauscht, und die sind ebenfalls fantastisch. Ich finde sehr spannend, dass sie auch aus der klassischen Ausbildung an der Musikhochschule Stockholm kommen, nicht nur aus dem Jazz, und nun im Jazz- und Pop-Bereich unterwegs sind.

Was antworten Sie jemandem, der etwas gegen Bach-Arrangements hat?

Ich probiere immer gerne neue Sachen aus. Natürlich können die ganz puritanischen Bachliebhaber:innen sagen: Wozu muss man das machen? Dann würde ich sofort antworten: Man muss es natürlich überhaupt nicht. Aber man kann – und es macht großen Spaß. Wir leben heute und haben auch andere Musikepochen erlebt. Bachs Musik macht wirklich alles mit, das finde ich so großartig. So kann man ganz neue Welten entdecken mit dieser Musik, die uns schon so viele Jahrhunderte begleitet.

Die Uraufführung im Festival

So 27.9.2026
  • Eine Gruppe Musiker:innen in bunter Kleidung sitzt auf verschiedenen Stufen einer breiten Treppe. Alle halten ihre Instrumente und unterhalten sich angeregt.
    19.30 Uhr, Beethovenhalle, Großer Saal

    Missa Morphosis

    Vokal, Cross-Genre

    B’Rock Orchestra, Marcus Schinkel Trio, The Real Group

    Bach/Marcus Schinkel

Artikel von Steffen Greiner
Ticket–Hotline +49 228 2010344 Mo, Mi–Fr, 10–14 Uhr
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