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Vokalsextett Sjaella

Selbstbestimmte Frauen von Byzanz bis heute

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Sjaella © Lara Müller

Bei ihrem Konzert beim Beethovenfest 2025 werden sich die Sängerinnen des Vokalensembles Sjaella dem Gedeihen dreier weiblicher Figuren widmen. Circe, Giselle und Kassia verbindet mehr als man vielleicht zuerst meinen mag. In diesem Gespräch erzählen die Sopranistin Viola Blache und die Altistin Felicitas Erben von der schöpferischen Kraft aller Frauen, von Jungbrunnen und von Utopien.

Zuallererst: Herzlichen Glückwunsch zu eurem Zwanzigjährigen – ihr kennt euch schon eine halbe Ewigkeit! Was braucht ein Ensemble, um eine so lange Zeit beieinander zu bleiben?

Viola Blache: Viel! Es braucht Commitment, Freiraum und Vertrauen.Man muss sich immer wieder dafür entscheiden, allen den Freiraum zu lassen, sich anderweitig auszuprobieren, um Inspiration und Erfüllung zu finden. Und es braucht Vertrauen, dass all das wieder in die Gruppe zurückfließt. 

Felicitas Erben: Das Kernstück, auf das wir uns immer wieder zurückbesinnen, ist die gemeinsame Kreation, das gemeinsame Musizieren, das Entwickeln und künstlerische Forschen. Darin liegt auch unser Jungbrunnen als Gruppe, der unsere Beziehungen frisch hält und ganz viele Risse, die sich natürlich bilden im Laufe der Zeit, immer wieder aufs Neue heilen kann.

Sjaella © Lara Müller

Euer Konzert in der Kreuzkirche wird sich drei Frauen aus Mythologie, Ballett und Geschichte widmen. Eine bewusste Zusammensetzung?

Viola: Im Zentrum stand die Uraufführung »What would Circe do?« vom australischen Komponisten Wally Gunn. Den Text über die Zauberin aus der griechischen Mythologie hat Felicitas selbst verfasst. Dann war die Überlegung, womit verbinden wir dieses Stück? Und am Ende dachten wir, am stärksten ist es, Frauenfiguren zusammenzubringen und sprechen zu lassen, um damit verschiedene Facetten aufzeigen zu können.

Felicitas: Genau! Zudem kommt natürlich, dass wir in den letzten Jahren immer mehr Fokus darauflegen, mit weiblichen Komponistinnen zusammenzuarbeiten, wenn es um Neukomposition geht – so eben auch bei »Giselle«. Dieses Werk hat Laura Marconi vor wenigen Jahren für eine Ballettproduktion an der Oper Leipzig geschrieben. (Hier gibt es einen kleinen Horeindruck.) Beim Beethovenfest möchten wir dem einen neuen Kontext geben.

Reinhören: Der Sound von Sjaella

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Ihr habt die Uraufführung von »What would Circe do?« erwähnt. Die Komposition von Wally Gunn ist für das diesjährige Beethovenfest entstanden. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Viola: Kennengelernt haben wir Wally Gunn auf unserer ersten Australientour vor drei Jahren, menschlich hat es einfach gepasst, wir haben uns total gut verstanden! 

Und wie kam es zu dem mythologischen Thema? 

Viola: Wally kam nach Leipzig und wir haben uns erst mal stundenlang mit dem Beethovenfest-Motto auseinandergesetzt – »Alles ultra« – und bei Kaffee und Kuchen den ganzen Tag gequatscht und überlegt: Was bedeutet das für uns? Und das hat uns tatsächlich immer mehr in Richtung Mythologie gebracht. Vor allem, weil wir über Beethovens »Prometheus«-Ballett gestolpert sind (übrigens am 26.9. im Festival zu hören). Und es gibt in der Mythologie diesen ganz kurzen Moment, wo Circe und Prometheus sich treffen, als Prometheus am Felsen gefesselt ist und dafür bestraft wird, dass er den Menschen Feuer gegeben hat. Und von da aus ging alles los! Wir haben uns gefragt: Was wäre, wenn Prometheus Circe als Naturheilerin und Zauberin um Rat gefragt hätte? Was braucht es, um die Menschen zu erreichen und ihren Fokus wieder mehr auf das Essenzielle zu lenken?

Viola Blache © Lukas Diller

Neben Circe und Giselle wird die byzantinische Komponistin Kassia stehen. Was verbindet diese drei Frauen miteinander und was verbindet euch mit diesen drei Frauen?

Felicitas: Die Antwort findet sich schon im Titel wieder: »The Thriving Principle«. Das gedeihende Prinzip, das es schafft, aus einem zu dürren Boden zu erwachsen und trotzdem zu blühen, obwohl so viel Gegenwind ist. Diese Kraft zu entwickeln, aus Unterdrückung oder Reglementierung herauszubrechen, das ist es, was die Frauen vereint. Und so betrifft es nicht nur auch uns sechs Frauen auf der Bühne, sondern jede einzelne Frau im Publikum.

Viola: Genau: Die drei Frauen verbindet, dass sie in ihr jeweiliges gesellschaftliches System nicht reinpassen. Aber sie definieren sich selbst, entwickeln Mut und schöpferische Handlungsfähigkeit und genau darauf wollen wir mit unserem Konzert das Augenmerk lenken.

Felicitas: Frauen sind in vielerlei Hinsicht ein unglaublich schnell lernendes und anpassungsfähiges Geschlecht. Es ist dieses Prinzip »ich explodiere vor Kraft«, das von Generation zu Generation einen neuen Ausdruck erlebt und das nicht mehr aufzuhalten ist.

Passend dazu ist beim Beethovenfest in diesem Jahr »alles ultra«, das bietet viel Raum, um die Gewohnheiten der Klassikszene zu hinterfragen. Welche Entwicklung wünscht ihr euch für die Musiker:innen und ihre Bühnen in Zukunft? 

Felicitas: Ich wünsche mir mehr Kontext auf den klassischen Bühnen: Mut zum Kommentar, sei er musikalisch, verbal oder visuell, ein Kommentar zur Zeit, zum Inhalt der Musik oder zum Komponisten – es waren ja meistens Männer. Ich möchte, dass etwas Neues erzählt wird: Es haben viele Männer wunderbare Musik gemacht, aber bringt es in einen zeitgenössischen Kontext, bezieht neue Gedanken und Sichtweisen mit ein!

Viola: Ich wünsche mir mehr Lösungsangebote für Probleme. Ich wünsche mir Utopien und dass sie wieder mehr Platz finden, weil sie so wichtig sind in der Kunst. Utopien sind für mich keine wirr gesponnenen Träume, sie können der Nährboden für sehr konkrete Handlungsideen sein!

Ich danke euch sehr für das Gespräch, wünsche uns allen mehr Utopien und freue mich auf das Konzert am 25. September 2025 in der Kreuzkirche!

Sjaella beim Beethovenfest 2025

Do 25.9.2025
  • 19.30 Uhr, Kreuzkirche

    Sjaella & Lucile Boulanger

    Vokal

    Kassia, Gunn, Marconi

Barbara Frommann
© Barbara Frommann
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Zum Magazinartikel
Artikel von Noomi Bacher
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