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Kooperation mit der Caritas

Raus aus dem Konzertsaal, rein ins Leben

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Ein Mann mit schwarzer Kappe und Weste steht lächelnd an einer Tür. Ein Caritas-Schild ist sichtbar.
Prälat-Schleich-Haus © Caritasverband für die Stadt Bonn e. V.

Das Beethovenfest will für alle Menschen da sein – seit dem letzten Jahr verfolgen wir dieses Ziel in Zusammenarbeit mit der Caritas. Eine Kooperation, die Barrieren zum Konzertbesuch niederreißt: Mit kostenlosen Patentickets für Klient:innen der Caritas-Einrichungen, mit Pop-Up-Konzerten direkt vor Ort bei den Menschen und mit einer Podiumsdiskussion zu einem der Arbeitsschwerpunkte, der Obdach- und Wohnungslosenhilfe. Constanze Baumgart vom Bonner Caritasverband und Julia Klein aus dem Festival-Team sprechen über das Engagement.

»Das Beethovenfest Bonn und der Caritasverband haben ein gemeinsames Ziel: Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Mit einer Vielfalt von Formaten – und mit viel Engagement und Professionalität – gelingt es dem Festival nun schon seit Jahren, klassische Musik Menschen zugänglich zu machen, die sonst kaum die Gelegenheit dazu hätten – sei es etwa, weil sie psychisch beeinträchtigt sind oder ihre soziale und finanzielle Situation es ihnen unmöglich macht.« So fasst Constanze Baumgart das Anliegen der Kooperation mit dem Beethovenfest zusammen. Sie ist Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Caritasverbands und arbeitet gemeinsam mit Julia Klein aus der Musikvermittlung des Beethovenfests daran, den Klient:innen Zugänge zu Livemusik zu ermöglichen. 

»Ich finde es sehr wichtig, dass eine Institution wie ein klassisches Musikfestival aus ihren Mauern heraustritt und durchlässiger wird für andere Menschen«, bekräftigt Julia Klein. Ihre Aufgabe ist es, die Kooperation auf Festival-Seite zu koordinieren und etwa geeignete Künstler:innen zu finden, die sich auf das Wagnis eines Pop-Up-Konzerts in einer sozialen Einrichtung einlassen. Constanze Baumgart sieht diese Bemühungen im Kontext einer gesellschaftlichen Verantwortung: »Als Gesellschaft haben wir alle eine Verpflichtung gegenüber Menschen, die sich aus eigener Kraft nicht oder nur eingeschränkt für ihre Bedürfnisse einsetzen können. Zu diesen Bedürfnissen gehört ganz existenziell auch der Wunsch nach Teilhabe. Die Kooperation von Beethovenfest und Caritas schafft genau das: kulturelle Teilhabe für Menschen.«

Historisches Backsteingebäude mit modernen Glas- und Betonelementen. Vor dem Gebäude sitzen Menschen im Freien auf einem Platz mit Grünflächen.
Prälat-Schleich-Haus © Caritasverband für die Stadt Bonn e. V.

Die Konzerte zu den Menschen bringen, nicht umgekehrt

»Es gibt Personengruppen, die nicht selbst zum Konzert kommen können, sei es aus strukturellen, finanziellen, gesundheitlichen Gründen oder wegen anderen Barrieren. Zu diesen Menschen wollen wir die Künstler:innen bringen, anstatt die Menschen ins Konzert zu holen.« Das ist das Credo der Pop-Up-Konzerte, sagt Julia Klein. In diesem Jahr spielen verschiedene Beethovenfest-Künstler:innen neben ihren öffentlichen Konzerten auch Auftritte in sozialen Einrichtungen der Caritas: Im Prälat-Schleich-Haus (ein Obdachlosen-Wohnheim für Männer), im Haus Mondial (ein Nachbarschaftshaus mit offenen Treffen für Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung), im Lebensraum (eine Tageseinrichtung für Menschen mit psychischen Erkrankungen) und in zwei Altenheimen. Darunter sind so unterschiedliche Line-Ups wie das Sextett aus Streichern und Klarinette Nasmé Ensemble, die Pianistin Zhouhui Shen oder das Rothko String Quartet. Julia Klein erzählt über die Anfragen: »Wir überlegen, welche Künstler:innen dafür geeignet sind, etwa weil sie bereits Erfahrungen mit ähnlichen Formaten gesammelt  haben. Die meisten reagieren sehr offen auf unsere Anfragen und einige wollen das besonders unterstützen, z. B. dieses Jahr das Nasmé Ensemble mit Michael Barenboim.«

Warum es für viele Menschen kaum möglich ist, in Konzerte zu gehen, hat viele Gründe. Constanze Baumgart erklärt: »Für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen – wie etwa im Sozialpsychiatrischen Zentrum der Bonner Caritas – ist ein Konzertbesuch ohne Unterstützung und Begleitung häufig eine zu große Herausforderung. Bei anderen Klient:innen ist die finanzielle Situation ausschlaggebend, nicht selten etwa verbunden mit der Scham, keine angemessene Kleidung zu besitzen. Auch die individuelle Sozialisation, die keinen Zugang zu dieser Art von Kultur ermöglicht, kann ein Grund sein.«

Die Reaktionen der Menschen bei den Pop-Up-Konzerten zeugen von der großen Bereicherung, die solche Momente in ihr Leben bringen, erzählt Constanze Baumgart. »Die Klient:innen reagieren mit großem Zuspruch, ebenso wie die Kolleg:innen aus den Einrichtungen. Für alle Beteiligten sind solche Angebote ein echtes Highlight. Die Inhouse-Konzerte sind fast immer bis auf den letzten Platz besetzt. Und die Künstler:innen, die schon in einem unserer Häuser waren, können es bestätigen: Die Klient:innen zeigen ihre Begeisterung nicht nur durch Aufmerksamkeit und Applaus, sondern auch durch zahlreiche interessierte Nachfragen nach dem Konzert.« Julia Klein ergänzt: »Bewohner:innen in Altenheimen zum Beispiel leben trotz Demenz oder Einschränkungen durch die Musik auf. Manche erzählen etwa von früheren Konzertbesuchen beim Beethoven Orchester Bonn, die ihnen jetzt nicht mehr möglich sind. Für sie ist es besonders schön, wieder Livemusik zu erleben.«

Vier Personen sitzen an einem runden Tisch im Freien und unterhalten sich. Sie scheinen in einer lässigen Umgebung zu sein.
Gespräch zwischen Mitarbeitenden und Bewohnern des Prälat-Schleich-Haus © Caritasverband für die Stadt Bonn e. V.

Gespendete Konzertbesuche: Patentickets

Die Idee stammt ursprünglich vom Bratscher Nils Mönkemeyer, der sie in seinem vor einigen Jahren durchgeführten Festival in Bonn »Klassik für Alle« mit der Caritas zusammen entwickelte. Er erklärt: »Patentickets sind Konzerttickets für Menschen aus dem Kundenkreis der Caritas. Jede Person oder Firma kann Patentickets kaufen, und über das System werden sie dann an die nachweislich bedürftigen Interessent:innen verteilt. Mein Grundgedanke war: Das Prinzip der Demokratie ist, wir reichen uns gegenseitig die Hand und alle Seiten kommen zusammen.« 

Warum die Spendentickets nicht über einen direkten Weg von Käufer:in an Empfänger:in gelangen? Julia Klein erklärt, dass das System von der Erfahrung der Caritas profitiert: »Der Caritas-Verband ist näher dran an den Schicksalen der Menschen. Sie können besser einschätzen, welchen Personengruppen sie welche Konzertangebote aus dem Pool der Patentickets machen. Für Käufer:innen von Patentickets, die dann über die Caritas gespendet werden, kann es eine gute Möglichkeit sein, jemandem etwas Gutes zu tun, ohne dass sie ihn in ihrem direkten Umfeld kennen müssen. So wird ein Kreislauf zwischen den Bonner:innen möglich.« Für die Klient:innen kann ein Patenticket wichtige Barrieren zum Konzertbesuch überwinden: »Die Tatsache, dass die Patentickets kostenlos sind, spielt natürlich eine wichtige Rolle. Darüber hinaus ist es vor allem die Möglichkeit, in der Gruppe und/oder begleitet hinzugehen«, sagt Constanze Baumgart.

Im diesjährigen Festival kann man Patentickets für vier Konzerte erwerben, und zwar einfach direkt beim online-Shop auf der jeweiligen Konzertseite oder auch über die Ticket-Hotline und die Vorverkaufsstellen: 

Do 3.9.2026
  • Sechs Personen, lässig gekleidet, gehen im sonnigen Wetter als Gruppe vor der Betonfassade der Bonner Bundeskunsthalle.
    19.30 Uhr, Bonner Münster

    Prolog: Was frag ich nach der Welt?

    Vokal, Kammermusik

    Ensemble CONTINUUM

    Shaw

Do 17.9.2026
  • 19.30 Uhr, Pantheon Theater

    Martha Bijlsma & Flex Ensemble

    Kammermusik, Pop & Electronica

    Jonas Urbat

    Williamson, Beethoven

So 27.9.2026
  • 11 Uhr, Kulturzentrum Hardtberg

    Aaron Schröer & Yoko Kuwahara

    Kammermusik

    Le Beau, Beethoven, Chopin

Fr 2.10.2026
  • 19.30 Uhr, Kreuzung an St. Helena

    Momi Maiga: Solo

    Cross-Genre, Recital

Podiumsdiskussion mit Caritas-Expertise

Erstmals organisiert das Beethovenfest zusammen mit der Caritas auch ein Panel über einen Arbeitsschwerpunkt der Einrichtung, der Obdach- und Wohnungslosenhilfe. Auf dem Podium werden Vertreter:innen der Stadtpolitik, des Caritasverbands und des Vereins stadtstreifen e. V., Betroffene von Obdachlosigkeit und auch der Komponist Gabriel Kahane miteinander sprechen. Constanze Baumgart hofft, dass die gemeinsame Veranstaltung Aufmerksamkeit für das wichtige Thema schafft: »Uns – meiner Kollegin Carolina Schrage, die die Wohnungslosenhilfe leitet und an der Podiumsdiskussion teilnimmt, und der Bonner Caritas – ist es wichtig zu vermitteln, dass Wohnungslosigkeit längst bis in die Mitte der Gesellschaft reicht und weit mehr umfasst als sichtbare Obdachlosigkeit. Es braucht dringend mehr bezahlbaren Wohnraum und einen stärkeren Fokus auf Prävention. Gleichzeitig ist Wohnungslosigkeit nach wie vor stark stigmatisiert – besonders besorgniserregend ist, dass immer mehr junge Menschen betroffen sind.« 

Vor der Diskussion sind verschiedene Bonner Akteure der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe mit Ständen in der Beethovenhalle vertreten, um ihre Arbeit vorzustellen und mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen – neben der Caritas auch die Diakonie und die Johanniter. Am Abend nach dem Gesprächsformat lädt dann der US-Musiker Gabriel Kahane und das Beethoven Orchester Bonn zu einem Konzert ein, das daran direkt anschließt: Kahanes Oratorium emergency shelter intake form mit Sänger:innen, Chor und Orchester wirft anhand eines Fragebogens einer Notunterkunft einen nachdenklichen Blick auf das Thema.

Fr 11.9.2026
  • 17 Uhr, Beethovenhalle, Studio

    Podiumsdiskussion: Ohne Zuhause

    Diskurs

    Prof. Dr. Christoph Butterwegge, Azra Zürn, Carolina Schrage

  • Ein Mann steht am Ufer eines Flusses, umgeben von alten Holzpfählen. Der Himmel ist bewölkt und es dämmert.
    19.30 Uhr, Beethovenhalle, Großer Saal

    Gabriel Kahane & Beethoven Orchester Bonn

    Orchester, Vokal

    Philharmonischer Chor der Stadt Bonn, Eliza Bagg, Dirk Kaftan

    Kahane, Dvořák

Artikel von Avischag Müller
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