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Daniel Arkadij Gerzenberg über sein Gesprächskonzert

Ein Liederabend gegen das Schweigen

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Daniel Arkadij Gerzenberg im Interview © Michael Staab

»Sah ein Knab ein Röslein steh’n« – harmlos? Nicht immer. Im Beethoven-Haus geht es um die dunklen Seiten hinter, vor und auf der Bühne. Daniel Arkadij Gerzenberg gestaltet am 13. September einen Liederabend, der musikalisch und diskursiv Gewalt und (Macht)Missbrauch im Kulturbereich thematisiert.

Missbrauch und sexualisierte Gewalt ist seit einigen Jahren ein gesellschaftlich breit diskutiertes Thema. Was können Künstler:innen, Musiker:innen zu dieser Debatte beitragen?

Daniel A. Gerzenberg: Aus meiner Sicht kommt in Medienbeiträgen häufig die Perspektive der Betroffenen zu kurz. Diese Perspektive beruht in erster Linie auf der Kenntnis der erlebten Gewalt. Der Kunst steht die Möglichkeit offen, das emotionale Erleben erfahrbar zu machen – genau das wollen wir mit diesem Projekt tun. Die öffentliche Debatte tut das oft nicht und ist dazu vielleicht auch gar nicht in der Lage. In unserem Fall sind es Musik und Lyrik, deren Kraft wir nutzen, um einen Zugang zur Komplexität und Ambivalenz zu schaffen, die diesem Thema innewohnt. Dafür ist die künstlerische Perspektive wichtig.

Im Konzert wird auch mit Expert:innen über das Thema diskutiert. Was erhoffst du dir von dem Zusammentreffen von Akteur:innen aus der Medizin, Politik, Musik und Musikausbildung?

Mir ist der interdisziplinäre Blick wichtig, die Expertise, die aus verschiedenen Richtungen kommt. In unserem Podium deckt Lydia Grün die Perspektive der Musikhochschule als zentralen Ausbildungsort klassischer Musik ab. Ihr Vorgänger im Amt der Hochschulpräsidentin München ist ein verurteilter Sexualstraftäter, womit sie einen Umgang finden musste. Als Kinder- und Jugendpsychiater ist Prof. Jörg Fegert da, der seit den 80er-Jahren an dem Thema forscht und als Hochschullehrer eine breite fachliche Expertise mitbringt. Kerstin Claus ist Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, sie weiß um die Hürden, die in der politischen Arbeit bestehen. Ich wiederum spreche als Lyriker, Pianist und Betroffener, der sich mit dieser Thematik künstlerisch auseinandersetzt.  In dieser Gesprächsrunde wollen wir im Nachgang das Konzert auffangen, weiterdenken und über Missbrauch als gesamtgesellschaftliches Problem sprechen. Gleichzeitig wird es darum gehen, einen Fokus auf den Kulturbereich zu legen, denn Kunst und Kultur können sowohl Tatort als auch Ort von Verarbeitung, Auseinandersetzung und Heilung sein.

Sophia Burgos © Ruben Burgos

Ihr gestaltet das Konzert als Liederabend. Menschliche Stimme und Klavier – was für eine Kraft liegt in dieser Musizierform in Bezug auf das Thema?

Das Kunstlied verbindet Sprache und Musik. In dieser Verbindung geschieht eine Vertiefung des Gesagten. Wir tauchen noch tiefer in die Gefühlswelt des Lyrischen Ichs ein. Im Konzert werden Lieder von Franz Schubert und Hugo Wolf erklingen, die wir im Kontext sexualisierter Gewalt sehen. Die Sopranistin Sophia Burgos wird mit Stimme und Live-Elektronik eine Rezitation aus meinem Lyrikband wiedergutmachungsjude begleiten, in dem ich einen durchlebten Missbrauch aufarbeite. Der Komponist Hector Docx hat einen zentralen Text daraus vertont, den wir uraufführen werden. Wir verallgemeinern das von mir Erlebte mittels Sprache und Klang. Denn meine Geschichte ist leider nur eine von vielen. 

Vielleicht denkt man oft nicht darüber nach – aber einige Kunstlieder sprechen von Gewalt. Zum Beispiel das bekannte »Heidenröslein« von Goethe und Schubert, das auf dem Programm steht. Wie fängst du auf, dass der Liederabend auch verstörend wirken könnte?

Wir setzen uns zwar mit einem verstörenden Thema auseinander, aber wir tun dies im Rahmen der Kunst und ermöglichen dadurch einen Zugang, der nicht verstörend wirkt, sondern Empathie und Verständnis erzeugt. Uns ist daran gelegen, einen emotionalen Rahmen zu schaffen, in dem die Auseinandersetzung möglich ist. Denn diese ist unabdinglich, damit sich etwas ändert. Unsere Arbeit als Künstler:innen ist es, dieses Konzert so zu gestalten, dass das Publikum sich nicht überwältigt, sondern an der Hand genommen fühlt – damit wir gemeinsam in den Abgrund schauen können, ohne hineinzufallen.

Event beim Beethovenfest 2025

Sa 13.9.2025
  • 16 Uhr, Beethoven-Haus Bonn

    Musik Macht Missbrauch

    Diskurs, Vokal

    Daniel Arkadij Gerzenberg, Sophia Burgos, Prof. Lydia Grün

    Schubert, Wolf, Docx

Das Konzert entstand im thematischen Anschluss an das Projekt »Inside Artists«, das im Vorjahr durch die Liz Mohn Stiftung und »tuned – Netzwerk für zeitgenössische Klassik« der Kulturstiftung des Bundes gefördert wurde.

Artikel von Avischag Müller
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