Die Weltlage ist durch diverse Kriege und Provokationen höchst angespannt. Erstmal grundsätzlich: Sollten Konzerte mit Alter Musik auf diese Themen reagieren oder eher mit schöner Musik ablenken?
Schon der Titel unseres Konzerts »Was frag ich nach der Welt?« und einige der ausgewählten Werke deuten darauf hin, dass uns im Vorhinein die Frage beschäftigt hat, wie (Barock)musik und Konzerte gesellschaftliche Debatten und Fragen unserer Zeit aufgreifen können. Im Idealfall gelingt uns Beides: Zuhörende, die sich nach Ablenkung und einer Pause sehnen, können sich ganz der Musik hingeben und nicht weiter über die Inhalte nachdenken. Besucher:innen, die gerne tiefer in das Gedankenkarussell einsteigen wollen, sind dazu herzlich eingeladen und werden über die Musik hinaus noch weitere Ebenen entdecken. Für mich persönlich ist es zunehmend undenkbar, Programme oder Konzepte zu erarbeiten, die keine gesellschaftliche oder politische Relevanz oder Kontextualisierung haben. Die großen Krisen unserer Zeit, angefangen von der Klimakrise bis hin zu politisch brisanten Entscheidungen, die konkrete Auswirkungen auf die Kulturszene und die Lebensrealität vieler Künstler:innen und Zuhörende haben, müssen sich in der Kunst und Kultur widerspiegeln – sonst können wir uns als Kunstschaffende auch nicht auf öffentliche Förderungen berufen und die oft diskutierte vermeintliche Systemrelevanz für uns beanspruchen.
Für den Prolog des Festivals mit Ihrem Ensemble Continuum haben Sie einzelne Sätze aus Bach-Kantaten von 1725 zu einem Pasticcio zusammengestellt. Was waren die Leitlinien bei der Auswahl?
Zunächst ist die größte Schwierigkeit bei der Auswahl gewesen, zu entscheiden, welche Stücke wir weglassen müssen. Bach hat 1725 eine schier endlose Bandbreite an Emotionen, Themen und Texten vertont – da fiel uns die Entscheidung schwer. Ausgehend von der titelgebenden Kantate Was frag ich nach der Welt (bereits 1724 komponiert, aber den Choralkantaten-Jahrgang 1725 einleitend), haben wir uns dann auf die Suche nach Arien und Chören begeben, die mit den inhaltlichen Themen besonders korrespondieren. Entscheidend hierbei sind die beiden Rezitative für Tenor und Bass aus der Titelkantate, die die Richtung und Dramaturgie maßgeblich beeinflusst haben.

