Tschaikowskys fünfte Sinfonie gehört zu den meistgespielten Stücken auf den Bühnen. Wie gehst Du persönlich an das Werk heran?
Tschaikowskys fünfte Sinfonie knüpft an die Vierte an und vermittelt das Gefühl, dass das Schicksal ein wesentlicher Bestandteil des Lebens ist, mit dem sich jeder Mensch auseinandersetzen muss. Tatsächlich gibt es ein Leitmotiv des Stücks: einen düsteren, fast trostlosen Anfang, der in ein Flüstern übergeht. Das Stück gewinnt langsam an Schwung, Ausdruckskraft und motorischer Bewegung. Tschaikowsky lehnte die Sinfonie lange ab, weil er befürchtete, sie sei überladen. Doch sie wurde zu seiner beliebtesten Sinfonie, weil sie eine Reise erzählt. Ganz ähnlich wie bei Beethovens Fünfter durchlaufen wir Verzweiflung und gelangen durch Herausforderungen und Hindernisse schließlich zum Sieg. Darin liegt ein spirituelles Element, der Versuch, unseren Weg im Leben zu finden. Etwas an seiner Musik ist so bipolar, das fasziniert mich. Sie ist so menschlich, unvollkommen und modern.
Wie viel Spielraum lässt Tschaikowskys Partitur für Deine Interpretation?
Eigentlich ziemlich viel. Die Partitur ist wunderbar detailliert, aber Tschaikowsky lässt ebenfalls Raum für Persönlichkeit und Fantasie. Die Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zu finden. Man muss der Musik erlauben, zu singen und zu atmen, braucht aber auch Disziplin und Struktur. Bei Tschaikowsky verfällt man sehr leicht in Sentimentalität. Die Gefühle sind so unmittelbar und so kraftvoll. Aber wenn alles nur emotional ist, sticht nichts mehr hervor. Die Architektur muss die Leidenschaft tragen.

