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Antonio Pappano

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Ein Mann im Anzug steht im Profil und blickt nach rechts.
Es ist in den Worten Pappanos schließlich Tschaikowskys Menschlichkeit, die »in einer sehr hektischen Welt« wie heute von zentraler Bedeutung ist und die in seinen Werken weiterlebt. »Seine Musik gibt uns die Möglichkeit, innezuhalten und Dinge tiefer zu erleben.« © Musacchio & Ianniello für EMI Classics

Tschaikowskys fünfte Sinfonie gehört zu den meistgespielten Stücken auf den Bühnen. Wie gehst Du persönlich an das Werk heran?

Tschaikowskys fünfte Sinfonie knüpft an die Vierte an und vermittelt das Gefühl, dass das Schicksal ein wesentlicher Bestandteil des Lebens ist, mit dem sich jeder Mensch auseinandersetzen muss. Tatsächlich gibt es ein Leitmotiv des Stücks: einen düsteren, fast trostlosen Anfang, der in ein Flüstern übergeht. Das Stück gewinnt langsam an Schwung, Ausdruckskraft und motorischer Bewegung. Tschaikowsky lehnte die Sinfonie lange ab, weil er befürchtete, sie sei überladen. Doch sie wurde zu seiner beliebtesten Sinfonie, weil sie eine Reise erzählt. Ganz ähnlich wie bei Beethovens Fünfter durchlaufen wir Verzweiflung und gelangen durch Herausforderungen und Hindernisse schließlich zum Sieg. Darin liegt ein spirituelles Element, der Versuch, unseren Weg im Leben zu finden. Etwas an seiner Musik ist so bipolar, das fasziniert mich. Sie ist so menschlich, unvollkommen und modern.

Wie viel Spielraum lässt Tschaikowskys Partitur für Deine Interpretation?

Eigentlich ziemlich viel. Die Partitur ist wunderbar detailliert, aber Tschaikowsky lässt ebenfalls Raum für Persönlichkeit und Fantasie. Die Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zu finden. Man muss der Musik erlauben, zu singen und zu atmen, braucht aber auch Disziplin und Struktur. Bei Tschaikowsky verfällt man sehr leicht in Sentimentalität. Die Gefühle sind so unmittelbar und so kraftvoll. Aber wenn alles nur emotional ist, sticht nichts mehr hervor. Die Architektur muss die Leidenschaft tragen.

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Warum harmoniert Beethovens Violinkonzert so gut mit Tschaikowskys fünfter Sinfonie?

Auf den ersten Blick scheinen es ganz unterschiedliche Welten zu sein. Was sie jedoch verbindet, ist ihre Menschlichkeit. Beide Werke beschäftigen sich mit dem Innenleben. Beethoven näherte sich diesem Thema durch Klarheit, Ausgewogenheit und tiefe Weisheit. Tschaikowsky näherte sich ihm durch Emotionen, Kampf und Leidenschaft. Zusammen ergeben sie eine äußerst befriedigende Reise. Beethovens Musik lädt uns in eine Welt der Reflexion und Kontemplation ein. Tschaikowskys Komposition greift diese Stimmung auf und verstärkt sie zu etwas Größerem und Dramatischerem. Für das Publikum ist es ein wunderbar abgerundeter Abend.

Was macht Beethovens Violinkonzert so einzigartig?

Ich denke, es unterscheidet sich von jedem anderen Solokonzert. Natürlich erfordert es enorme technische Fertigkeiten, aber Beethoven ging es nicht darum, anzugeben, sondern um etwas viel Tieferes. Was mich immer wieder in Erstaunen versetzt, ist der schiere Umfang. Das Stück ist in seiner Konzeption sinfonisch. Und dann ist da noch die Menschlichkeit des Stücks – die Großzügigkeit, die Gelassenheit, die Weisheit. Beethoven schafft diese außergewöhnliche Atmosphäre, in der sich alles wie eine Selbstverständlichkeit anfühlt, als würde sich die Musik im Verlauf erst entdecken.

Ein Dirigent leitet ein Orchester mit intensiven Gesten. Musiker spielen konzentriert, während sie die Partitur auf geöffneten Notenständern lesen.
Antonio Pappano dirigiert beim Beethovenfest Bonn 2022

Wenn Sie an die Proben mit der Solistin Vilde Frang denken: Wo stimmen Ihre interpretatorischen Vorstellungen überein – und wo entstehen Spannungen?

Normalerweise verfolgen wir alle dasselbe Ziel: Der Musik so ehrlich wie möglich gerecht zu werden. Bei den Proben geht es meistens um das Tempo, um Flexibilität und darum, wie viel Raum eine Phrase benötigt. Manchmal wünscht sich ein:e Solist:in an einer Stelle etwas mehr Freiheit, während ich als Dirigent die Gesamtarchitektur im Blick habe. Das sind konstruktive Gespräche. Ich betrachte sie nicht wirklich als Spannungen. Sie sind Teil des kreativen Prozesses.

Antonio Pappano beim Festival

Fr 4.9.2026
  • 19.30 Uhr, Beethovenhalle, Großer Saal

    Eröffnungskonzert: London Symphony Orchestra

    Orchester

    George Fletcher Warren, Sir Antonio Pappano

    Beethoven, Behrisch, Bruckner

Sa 5.9.2026
  • 19.30 Uhr, Beethovenhalle, Großer Saal

    Vilde Frang & London Symphony Orchestra

    Orchester

    Sir Antonio Pappano

    Beethoven, Tschaikowsky

Artikel von Avischag Müller
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