Symposium 2010

»Utopie und Freiheit in der Musik« - 17. Sept. 2010

Nachdenken über Möglichkeit und Wirklichkeit einer Kunstform. Vorträge und Diskussionen.

Freitag, 17. September 2010
Gremiensaal der Deutschen Welle, Bonn

Trotz aller Formgesetze und Bindung an ein begrenztes Ton- und Geräuschmaterial ist das Grundprinzip der Musik im Gegensatz zu den anderen Künsten die Flüchtigkeit, und damit die enge Beziehung zur Zeitlichkeit, die die Bestandteile des Musikstücks unmittelbar nach ihrer Erscheinung wieder in die Freiheit entlässt. Die Klangkunst macht den Entwurfscharakter einer jeden Kunst vielleicht am deutlichsten: Ein Künstler schafft eine neue Ausdrucksform für seine Sicht der Welt; der Prozess, in dem das geschieht, ist beim aufmerksamen Hören musikalischer Kunstwerke jedes Mal aufs Neue nachvollziehbar – und es ist womöglich auch zu erahnen, wie die Persönlichkeit des Künstlers die Wirklichkeit durchdringt, Konflikte darstellt und Lösungen sucht. In der nachschöpfenden Rezeption, in der Interpretation und Kritik hat auch der Hörer Anteil an der Vollendung des Kunstwerks, das durch diese Reflexion objektiviert wird. Darüber hinaus gehen in das Kunstwerk nicht nur Wünsche und Sehnsüchte des Künstlers ein; auch im Hörer werden sie hervorgerufen und geben der Realität des Schaffens oder Wahrnehmens eine utopische Dimension.

In Vorträgen und Podiumsgesprächen hat das Symposium den utopischen Gehalt von Musik und Kunst überhaupt hinterfragt. Vermag sie Räume aufzuschließen, in denen die Ahnung einer höheren Harmonie und Unbedingtheit möglich ist, oder ist diese Hoffnung trügerisch und bloßes Pathos? Ist utopischer Impetus nicht ein Grundzug jedes künstlerischen Schaffens? Für welche Künstler ist die utopische Perspektive besonders charakteristisch, und wie vermittelt sich das in ihrem Werk? Die Veranstaltung sollte keine musikwissenschaftliche Fachtagung sein, sie wollte das Thema auch praktisch beleuchten. Zwei Gesprächsrunden widmeten sich deshalb Projekten im Kongo und in Brasilien, bei denen das gemeinsame Musizieren nicht nur den Horizont jedes Einzelnen erweitert, sondern auch in das soziale Umfeld hineinwirkt. Die Mitglieder des Orchestre Symphonique Kimbanguiste aus Kinshasa und des Jugendorchesters Sinfônica Heliópolis aus São Paulo erfahren konkret, was es heißt, durch Musik persönliche Freiheit selbst zu gestalten und der Wirklichkeit ihre Möglichkeiten abzuringen.